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Xanthippes Nutzwert

Autor: Jaan Karl Klasmann am 26. Apr 2009
Vielleicht kennen auch Sie in Ihrer näheren oder ferneren Bekanntschaft Beziehungen, in  denen Â"gutÂ" und Â"böseÂ" ganz klar verteilt sind. Eines der menschheitsgeschichtlich bekanntesten dieser Paare waren der große griechische Philosoph Sokrates und seine Gattin, deren Name seit Jahrhunderten als Synonym für weibliche Drachen dient: Xanthippe, die über dem großen Denker in einem Anfall von Unmut schon einmal den Nachttopf entleerte.

Was für ein Bild: Hier der milde, tiefsinnige Weise, der die Welt mit neuen, nie gekannten Einsichten beglückt – dort ein keifendes Monster von einem Weib, beide durch eine unerklärliche Fügung des blinden Schicksals aneinandergebunden – Stoff, aus dem sich grandiose Dramen spinnen lassen, die wir im Kleinen überall beobachten können.

Da bedauert die ältere Dame beim Kaffeekränzchen das Los ihrer Nichte: „Schon wieder ist sie an einen gekommen, der säuft und sie schlägt!“; da stöhnt der leicht depressive Saunagast auf die Frage, wie es ihm denn ginge: „Immer wie meine Frau will...“ Wir sehen aufopfernde Ehemänner, die für ihren Großmut nur Unzufriedenheit und Undank ernten; wir sehen still duldende Frauen, die von ihren Gatten nach Strich und Faden betrogen und gedemütigt werden und angesichts dessen könnte einem schon einmal der zynische Satz entfahren:

„Die Welt ist hart, aber ungerecht.“ – Doch stimmt das auch?

Tatsächlich walten auch in solchen scheinbar ganz ungleichgewichtigen Beziehungsdynamiken Gesetzmäßigkeiten, die auf Ausgleich abzielen. Und das Ziel dieses Ausgleichs heißt Vollständigkeit.

• Beginnen wir mit der Ebene des oder der Einzelnen: Wer immer sich in seiner Beziehung in  der Opferrolle wieder findet, der oder die hat wichtige Kräfte seiner oder ihrer selbst noch nicht in Besitz genommen. Die Frau, die geprügelt und betrogen wird, hat noch nicht entdeckt, dass sie Nein sagen darf; hat vielleicht aufgrund traumatischer Erfahrungen in ihrer Kindheit verlernt daran zu glauben, dass Nähe, Intimität und Zuwendung auch schmerzfrei möglich sein könnte. Er, der immer nur gibt, ohne zu bekommen hat noch nicht bemerkt, das auch in ihm ein Bedürfnis nach Grenzziehung besteht, und wer sein eigenes Befinden ganz in der Macht der anderen sieht, hat sich noch nicht zu seiner Kraft und seiner Selbstbestimmung ermächtigt. Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, diese Fähigkeiten neu zu erwerben. Es geht nur darum, zu entdecken, was ohnehin da ist und bisher nicht gelebt wurde – wie gesagt, um Vollständigkeit.

• Doch wir sind nicht nur Einzelne. Das ganze Universum ist holographisch, bzw. fraktal organisiert. Diese Fremdwörter bezeichnen ein ganz einfaches Prinzip: So wie jede unserer Zellen die DNS des gesamten Körpers enthält, enthält jeder Teil des großen Ganzen die Struktur des Ganzen. Er ist ein Abbild des Ganzen im Kleinen. Das bedeutet, dass jede Unter-Einheit, jedes Sub-System, alle Qualitäten und Eigenschaften des Ganzen – also auch Licht und Schatten enthalten muss. Solche Einheiten gibt es in jeder Größenordnung: Galaxien und Sonnensysteme, Planeten und Kontinente, Staaten und Städte – und schließlich Familien bzw. Paare.

Wenn nun die Sub-Einheit „Paar“ ein Ausdruck des kosmischen Ganzen ist; und wenn zweitens Sokrates darauf besteht, stets nur milde, weise und gütig zu sein – wer muss dann wohl sämtliche Schattenaspekte auf sich vereinigen?

Bingo – und damit wird klar, dass Xanthippe die Arschkarte gezogen hat.

Doch warum tat sie dies? – Kann sein aus Liebe, denn wenn wir Sokrates in seinem Streben, unbedingte Liebe zu erlernen ernst nehmen, dann brauchte er dafür eine Sparring-Partnerin; eine, die ihm die Latte wirklich hoch legte.

Kann aber auch sein aus Mangel an Liebe zu sich selbst. Rollen wie diese nehmen in Familiensystemen meist die Schwächsten an; diejenigen, die Zugehörigkeit am dringendsten benötigen und den anderen dafür abnehmen, worauf diese am liebsten mit dem Finger zeigen. So gesehen nimmt Xanthippe also Sokrates seinen Schatten ab – wie schön für ihn und sein Image!

Auch für „Xanthippen“ und ihre männlichen Entsprechungen besteht die Heilung im Wiedererwerb der Vollständigkeit: Sich zuzubilligen, auch seine/ihre lichten, strahlenden Seiten zu leben und diese in Anspruch und in Besitz zu nehmen. Doch Achtung: Die anderen im System könnten dann böse auf sie werden. Allerdings nur so böse, wie sie immer waren, denn nun müssen sie diesen ihren Schwarzen Peter wieder selber tragen...

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