Konsumentenplattform für Zukunftsgestaltung - Evolution vom ICH zum WIR
LESEN & WISSEN
ICH & WIRSCHAU & KAUFMAIL & MEHRWORKSHOP & SEMINARINFO & HILFEIMPRESSUM
SIE SIND:
derzeit nicht angemeldet.Die Mitgliedschaft ist kostenlos aber viel wert!
Geld und WirtschaftDruckversion:

Globale Wirtschaftskrise und ein globales Ethos

Prof. Dr. Hans Küng Autor: Sana Brauner am 15. Jan 2010
Dieser Artikel ist ein Vortrag von Prof. Dr. Hans Küng:
Es waren alles einmalige Gelegenheiten, die ich meinte wahrnehmen zu müssen: zu sprechen im UN-Hauptquartier in New York, am Internationalen Sinologenkongress in Peking, am Jahressymposion der Novartis-Stiftung in Basel und schließlich am Parlament der Weltreligionen in Melbourne. Warum habe ich mir vier solche an-strengenden Kurzreisen innerhalb weniger Wochen mit meinen fast 82 Jahren noch zugemutet?

Weil es bei all diesen Anlässen um ein und dasselbe brennende Thema ging, das mir in der letzten Periode meines Lebens zugewachsen ist und das mir täglich viel stille Arbeit, aber manchmal eben auch anstrengende Reisen abfordert – solange ich noch dazu fähig bin.

Es ist das große Thema Weltethos, das heute in der Tat auf dem ganzen Globus gefragt ist. Und das ist ja auch kein Wunder im Zeitalter der Globalisierung. Denn deren Schatten und Fehlentwicklungen, Fiaskos und Skandale bringen dem Menschen immer mehr zum Bewusstsein: Eine erfolgreiche Globalisierung von Technologie, Ökonomie und Kommunikation zeitigt unmenschliche Folgen, wo immer sie nicht mehr menschlich-mitmenschlich gestaltet wird, wo immer sie wahrhaft menschliche, eben humane Maßstäbe vermissen lässt.

So setzt sich denn in einem langsamen Bewusstseinswandel weltweit die Einsicht und Forderung durch: Keine Globalisierung ohne ein globales Ethos!
Wie sich ja bereits die Überzeugung durchgesetzt hat:
Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden und Religionsdialog.

So eben auch kein Frieden zwischen den Religionen und Kulturen ohne das Bewusstsein einiger gemeinsamer ethischer Kernwerte und Grundmaßstäbe, also ohne ein elementares Menschheitsethos, ein Weltethos.

Doch haben Sie keine Sorge, ich verstehe mich ebensowenig als Weltenbummler wie als Weltenretter. Aber wir in der Stiftung Weltethos machen uns sehr ernsthafte Gedanken und suchen Antworten auf die Weltprobleme, seien sie politischer, wirtschaftlicher, kultureller oder religiöser Natur. Auf dem Rückflug von Melbourne mitten in einem Gewitter über Afghanistan dachte ich an unsere verängstigten Soldaten da unten und ihre besorgten Angehörigen zuhause. Und da ging mir der Gedanke durch den Kopf: Ich müsste in diesem Vortrag heute eigentlich über Weltethos und Weltpolitik reden. Aber nicht weniger brennend in unseren Tagen ist nun einmal das angekündigte Thema »Weltethos und Weltwirtschaft«.

Es dürfte Sie interessieren: Im Auftrag unserer Stiftung Weltethos wurde von einer Arbeitsgruppe aus Wirtschaftswissenschaftlern, Unternehmern und Ethikern seit zwei Jahren, also lange vor Beginn der Weltwirtschaftskrise, an einem »Manifest für ein globales Wirtschaftsethos« (»Global Economic Ethic«) gearbeitet, das wir nun im Herbst 2009 in New York, Peking, Basel und Melbourne der Öffentlichkeit vorgestellt haben und wofür die Stiftung Weltethos eine eigene Homepage eingerichtet hat mit der Adresse: »globaleconomicethic.org«.

Doch Sie werden mich kritisch fragen,gibt es mit einem Weltwirtschaftsethos einen Weg aus der Krise? Ich antworte: Sicher nicht allein mit einem Weltwirtschaftsethos, aber ebenso sicher auch nicht ohne ein Weltwirtschaftsethos. Für immer mehr Menschen ist klar: Die meisten gegenwärtigen Krisen – von der Weltfinanzkrise bis zur Krise des europäischen Fußballs – haben auch mit elementaren ethischen Standards zu tun. Und wie der Fußball global geltende Regeln braucht, so auch die Wirtschaft.

Natürlich kennen wir, die wir uns für ein Weltwirtschaftsethos einsetzen, die Einwürfe der Skeptiker und jener Schwarzseher, die Erklärungen dieser Art als nutzlos bezeichnen. Aber ich frage Sie: Was wäre die Welt ohne die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, oder die Charta der Vereinten Nationen, oder auch die Zehn Gebote? Klar, immer wieder wird gegen sie gehandelt, insofern ist alles Ethos kontra-faktisch. Aber: immer wieder bilden ethische Normen die unübersehbaren Mahnzeichen gegen Unmenschlichkeit, Verbrechen und Versagen. Und sie vermitteln zugleich tiefe Motivationen für politisches, soziales und ökonomisches Handeln – unter Umständen auch gegen mächtige Sonderinteressen und Kollektivegoismen nationaler und internationaler Unternehmen.

Doch andere wenden ein: Gibt es nicht schon genug Gesetze, die nur konsequenter angewendet werden müssten? Ich gebe zu: Die Überwindung der gegenwärtigen Krise erfordert die Ausschöpfung aller gesetzlichen Möglichkeiten, aber: Gesetze allein genügen nicht!
Wir alle wissen, wie schwach oft der politische Wille ist, um in Wirtschaft, Politik, öffentlichem und privatem Leben gegen Gier, Betrug, Korruption und Größenwahn anzukämpfen. Schwach deshalb, weil dem politischen Willen bei Widerständen oft kein ethischer Wille zugrundeliegt. Gesetze ohne Ethos haben keinen Bestand. Warum? Weil gesetzliche Bestimmungen leicht umgangen, verdreht, ignoriert, unterminiert werden können, wenn sie nicht gestützt und geschützt sind von einem ethischen Bewusstsein, das auf einigen elementaren ethischen Standards basiert. Im Wirtschaftsleben aber ist dies alles nicht nur eine Sache der Ethik des Einzelnen, sondern auch der Unternehmensethik, ja betrifft die globale Marktwirtschaft als ganze.

Jüngste Erfahrungen haben erwiesen, dass Beständigkeit und Nachhaltigkeit der Marktwirtschaft keineswegs garantiert sind. Man kann die Augen nicht davor verschließen, dass das Auftreten des globalen »Kapitalismus« (sehr wohl zu unterscheiden von einer sozialen Marktwirtschaft!) völlig neuartige Risiken mit sich gebracht hat. Eine monokausale Erklärung dieser Krise der Marktwirtschaft in einer Nation oder Region wäre allerdings oberflächlich. Oft beobachten wir, dass in solcher Situation nicht ohne Grund gegenseitige Schuldzuweisungen erfolgen. Politiker beschuldigen die Banker, und Banker die Politiker. Nun ist die Wirtschaft gewiss nicht an allem Schuld, die Politik ist zumeist mitschuldig, und leicht erkennt der Durchschnittsbürger die Schuld in moralischen Defekten beider, ohne an eine mögliche eigene Mitverantwortung zu denken. Mit dem britischen Nationalökonom John Dunning lassen sich drei verschiedene Komplexe des Versagens des kapitalistischen Systems unterscheiden:
1. Ein Versagen der Märkte selber: Moral hazard, unangemessene makroökonomische Politik, exzessive Spekulation auf Immobilien- und Aktienmarkt …
2. Ein Versagen der Institutionen: unzureichendes Funktionieren von Regulie¬rungs- und Überwachungssystem, von rechtlicher Infrastruktur und Finanzsystem, Mangel an Transparenz und inadäquate Bilanzstandards …
3. Ein Versagen der Moral, das dem Versagen der Märkte und Institutionen zugrunde liegt: Kasino-Kapitalismus, Bestechung und Korruption, Mangel an Wahrhaftigkeit, Vertrauen und sozialer Verantwortung, exzessive Raffgier der Investoren oder Institutionen, Bilanzfälschungen und illegale Manipulation der Märkte.

Doch, liebe Leserinnen und Leser, alle drei Dimensionen sind von Menschen g-macht und können auch von Menschen beeinflusst werden: die Märkte durch Verhalten der Kunden und Versorgungsstrukturen, die Institutionen durch vernünftige Regelungen, verpflichtende Standards, transparente Selbstverpflichtungen. Die Menschen haben deshalb die ethische Verantwortung für den Aufbau eines angemessenen institutionellen Rahmens für die Wirtschaft.

Nein, ich meine nicht, dass die Wirtschaft eine besondere Ethik bräuchte, eine Sonderethik. Die Wirtschaft braucht sich nur an die allgemeinen ethischen Grundsätze zu halten, die für alle Lebensbereiche, aber eben auch für die Wirtschaft, gelten. Ethik ist aber nicht nur das Sahnehäubchen auf dem Kuchen, ist nicht nur eine nebensächliche Zugabe zur globalen Marktwirtschaft. Man spricht mit Recht von einer ethischen Rahmenordnung, einem »Moral Framework«, das in Interdependenz steht mit den wirtschaftlichen Funktionen der hauptsächlichen Institutionen, in Interaktion mit den Märkten, Regierungen, der Zivilgesellschaft und den supranationalen Organisationen.

Doch um Missverständnisse zu vermeiden: Mit Ethos sind nicht nur »moralische Appelle« von außen gemeint, sondern moralisches Handeln aller Akteure von innen heraus. Leider braucht es auch in der Wirtschaft oft, wie in der gegenwärtigen Krise, den Leidensdruck, um einen Reformdruck zu erzeugen, der zur politischen Kraft und Aktion werden kann. Ich bin jedenfalls davon überzeugt: Die globale Marktwirtschaft wird in den verschiedenen Regionen und Nationen auf Dauer nur dann akzeptiert, wenn sie sozial akzeptabel und ökologisch zukunftsfähig ist. Wegen Korruption, Lügen, Gewalttaten, Kriegstreiberei, Unmoral können bekanntlich Regierungen abgewählt, ja Staaten zugrunde gerichtet werden. Aber Sie werden fragen: Welche Elemente könnte und sollte diese ethische Rahmenordnung beinhalten? Da haben viele Zweifel: ist ein globaler Konsens über elementare Werte und Standards überhaupt möglich?

Den Beweis liefert die Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen von Chicago 1993. Auf deren Basis wurde auch das neue Manifest der Stiftung Weltethos »Weltethos – Konsequenzen für globales Wirtschaften« erarbeitet. Es will bereits bestehende Initiativen wie etwa den UN Global Compact vom ethischen Gesichtspunkt her unterstützen.

Warum ein solches Manifest nötig und sinnvoll ist, sagt die Präambel: »Die Globalisierung des wirtschaftlichen Handelns wird nur dann zum allgemeinen und nachhaltigen Wohlstand und Vorteil aller Völker und ihrer Volkswirtschaften führen, wenn sie auf die beständige Kooperationsbereitschaft und werteorientierte Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten und Betroffenen bauen kann. Das ist eine der grundlegenden Lehren der weltweiten Krise der Finanz- und Gütermärkte.

Die Kooperation aller Beteiligten und Betroffenen wird nur dann verlässlich gelingen, wenn das Streben aller nach Realisierung des legitimen Eigeninteresses und nach gesellschaftlicher Wohlfahrt eingebettet ist in globale ethische Rahmenbedingungen, die allgemein als gerecht und fair akzeptiert werden. Eine solche Verständigung über global akzeptierte Normen wirtschaftlichen Handelns und Entscheidens, über ein Ethos der Wirtschaftens, existiert erst in ersten Anfängen.

Ein globales Wirtschaftsethos, also gemeinsame fundamentale Vorstellungen über Recht, Gerechtigkeit und Fairness, baut auf moralischen Prinzipien und Werten auf, die seit alters her von allen Kulturen geteilt und durch gemeinsame praktische Erfahrung getragen werden.

Wir alle in unseren Funktionen als Unternehmer, Investoren, Kreditgeber, Mitarbeiter, Konsumenten und unsere jeweiligen Interessensverbände in allen Ländern der Welt tragen gemeinsam mit politischen und staatlichen sowie internationalen Organisationen und Institutionen wesentliche Verantwortung für die Herausbildung und Umsetzung eines solchen globalen Wirtschaftsethos.«

Wie schon in der Weltethos-Erklärung von Chicago 1993 werden also im neuen Manifest von 2009 uralte Prinzipien aus allen großen religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit auf heutige Situationen angewandt. Die oft gestellte Frage nach kulturübergreifenden globalen Werten und ethischen Standards, die von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche globale Marktwirtschaft ist, kann also wirklich beantwortet werden, trotz aller offenkundigen Unterschiede zwischen den Kulturen.

Dafür nur ein Beleg: Nach der Vorstellung dieses Manifests zu einem Globalen Wirtschaftsethos am 6. Oktober 2009 am UN-Hauptquartier in New York, stellte ich es am 2. November 2009 auch an der berühmten Peking-Universität vor. Dabei fühlte ich mich in meiner schon vor Jahren gemachten Beobachtung bestätigt: China ist von seiner großen konfuzianischen Tradition her besonders offen für ein Weltethos. Stellt doch schon die Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen jene zwei Grundprinzipien heraus, die sich jetzt auch im neuen Manifest zu einem Weltwirtschaftsethos wiederfinden: Zwei ethische Grundprinzipien, die allen ethischen Werten und Standards zugrunde liegen: Menschlichkeit (chin.: »ren«) und Gegenseitigkeit (chin.: »shu«):
– Erstens das Prinzip Humanität, dessen konkrete Anwendung das Betriebsklima in jedem Büro, Fabrikraum, Verkaufslokal, Unternehmen ver¬ändert: »Jeder Mensch (ob Mann oder Frau, weiß oder farbig, reich oder arm, alt oder jung) soll menschlich (und nicht unmenschlich, gar bestialisch) behandelt werden.«
– Und zweitens – das Humanitätsprinzip pragmatisch verdeutlichend – das Prinzip »Gegenseitigkeit« oder die Goldene Regel, wie sie sich schon in den »Gesprächen« des chinesischen Weisen Konfuzius, aber auch in der biblischen, koranischen und anderen Traditionen findet. Sie ist zum Sprichwort geworden: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Dies sollte auch zwischen Ethnien, Interessengruppen, Religionen und Nationen gelten.

Diese beiden Prinzipien aus der Weltethos-Erklärung von 1993 bilden auch die Grundlage (Teil I) des neuen Manifests (Art. 1-4).
Darauf bauen auf vier Grundwerte und -standards (Teil II), die sich schon finden in den Schriften von Patanjali, dem Begründer des Yoga, aber auch im buddhistischen Kanon und in allen großen religiösen und nicht-religiösen Traditionen. Sie strukturieren auch unser Manifest:
– Nicht morden, foltern, quälen, verletzen. Das heißt: die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben (vgl. Art. 5-6)
– Nicht stehlen, ausbeuten, bestechen, korrumpieren. Das heißt: die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung (vgl. Art. 7-9)
– Nicht lügen, täuschen, fälschen, manipulieren. Das heißt: die Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und des Lebens in Wahrhaftigkeit
(vgl. Art. 10-11)
– Nicht Sexualität missbrauchen, betrügen, erniedrigen, entwürdigen. Das heißt: die Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau (vgl. Art. 12-13).

Lassen Sie mich an einem Beispiel zeigen, wie etwa die Werte Gerechtigkeit und Solidarität konkretisiert werden. Artikel 8 handelt von der Korruption: »Das Erzielen von Gewinn ist die Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit und den Bestand der Unternehmen und damit für dessen soziales und kulturelles Engagement. Korruption aber schadet dem Gemeinwohl, der Wirtschaft und den Menschen, weil sie systematisch zur Fehlallokation und zur Verschwendung von Ressourcen führt.
Die Zurückdrängung und Abschaffung aller korrupten und unlauteren Praktiken, wie etwa Bestechung und Kartellabsprachen, Patentverletzung und Industriespionage, erfordern ein präventives Engagement, das Pflicht für alle Handelnden in der Wirtschaft ist.«

Aber Sie werden fragen, was ist das Besondere Ihres Manifests? Es gibt ja in der Tat zahlreiche andere durchaus nützliche Ethikerklä-rungen und Unternehmensleitsätze. Das Charakteristikum unseres Manifests zeigt sich vor allem in zwei Dimensionen:
– Es manifestiert erstens die Kontinuität dieser Werte und Standards in der Zeit, die sich trotz aller Brüche durchhält. Diese Werte und Standards haben die Autorität der großen religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit hinter sich, wie sie sich in zahllosen Zeugnissen der verschiedenen Kulturen im Lauf der Jahrhunderte nie-dergeschlagen haben. Sie sind also keine Erfindungen unserer Zeit, sondern stam-men aus dem ethischen Erfahrungsschatz der Menschheit, der sich angesammelt hat – seit wann? Seit der Mensch, aus dem Tierreich aufsteigend (Darwin hat recht), ler-nen musste, sich wahrhaft menschlich, human zu benehmen! Lernen zum Beispiel nicht andere Menschen zu töten, wie er Tiere töten darf.
– Unser Dokument für ein Weltwirtschaftsethos manifestiert zweitens die Universali-tät dieser Werte und Normen im Raum, die sich trotz aller offenkundiger kultureller Bedingtheit keineswegs zufällig offenbart – inwiefern? Weil die Menschen in allen Kulturen daran interessiert waren, das Leben, das Eigentum, die Ehre und die Ge-schlechtlichkeit unter einen besonderen Schutz zu stellen. Insofern sind die Werte und Normen keineswegs willkürlich gewählt: Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben, Gerechtigkeit und Solidarität, Wahrhaftigkeit und Toleranz, gegenseitige Achtung und Partnerschaft sind in zentralen Lebensbereichen strukturell begründet.

Daraus wird klar: Unser Manifest setzt kein bestimmtes ethisches System, etwa das von Aristoteles oder Kant voraus, keine »Ethik« im strengen Sinn. Es expliziert nur einige wenige elementare ethische Werte und Standards, welche nach empirischem Befund der ganzen Menschheit gemeinsam sind. Also ein »Ethos« als innere ethische Überzeugung oder Haltung, als persönliche Verpflichtung, sich im Leben an binden-den Werten, festen Standards und persönlichen Grundhaltungen oder Tugenden zu orientieren. Es bietet selbstverständlich keine Antworten oder Patentrezepte für alle möglichen Einzelprobleme im Wirtschaftsleben oder in den damit verbundenen Be-reichen der Bioethik, der Wissenschaftsethik oder der politischen Ethik. Aber es zeigt konkrete ethische Grundlinien auf, an denen sich die jeweiligen Einzelentscheidun-gen orientieren können und sollen. Wir hoffen, dass sich möglichst viele dieses Mani-fest als Leitlinie für ihre Entscheidungen im wirtschaftlichen Alltag zu eigen machen.

Als ich im Jahr 1990 mit meinem Buch »Projekt Weltethos« die programmatische Grundlage für die Arbeit am Weltethos gelegt hatte, konnte niemand ahnen, welche Kreise national und weltweit dieses Thema ziehen sollte. Manche hielten dieses Pro-jekt damals für eine Utopie. Aber die Weltethosidee ist keine Utopie, kein Nirgend-wo, sondern sie ist eine Vision: Sie zeigt, wie eine zwar nicht »heile«, aber doch bessere Welt aussehen soll und kann. Sie ist eine zukunftsweisende Vision: Wir und alle Menschen, die mit uns weltweit daran arbeiten, sind überzeugt, dass der Einsatz für Respekt und Verständigung zwischen den Kulturen und der Einsatz für ethische Standards in der Gesellschaft, auch in der Wirtschaft, dringend notwendig ist. Und Weltethos ist eine realistische Vision, die selbstverständlich nicht über Nacht verwirklicht wird, sondern Zeit braucht. So war es auch schon mit den gesellschaftlichen Fragestellungen vor dreißig oder vierzig Jahren: ein neues Verständnis von Frieden und Abrüstung, eine erwachende Sensibilität für Umweltprobleme, eine neue partnerschaftliche Sicht der Rollen von Mann und Frau. All diese Fragen hatten auch eine ethische Dimension, und das Umdenken dauerte Jahrzehnte – bis heute. So bedarf es auch in der Frage eines gemeinsamen Menschheitsethos eines komplexen und langandauernden Prozesses der Bewusstseinsänderung.

In der praktischen Arbeit der Stiftung Weltethos versuchen wir, diese Idee mit Leben zu füllen und damit auf vielfältige Weise und auf unterschiedlichsten Ebenen unsere Gesellschaft zu verändern. Dies geschieht durch Grundlagenforschung und Publikationen, in Schule und Bildungsarbeit, im Dialog der Religionen und Kulturen.

»Was ich glaube«, so der Titel meines im September erschienenen Buches. »Was ich glaube« schließt auch ein »Was ich hoffe«. Dazu gehört die Hoffnung auf ein »neues Paradigma einer gerechteren Weltwirtschaft«. Das heißt: »Nur mit einigen elementaren ethischen Normen, wie sie sich seit der Menschwerdung des Menschen herausbildeten, lässt sich die fatale menschliche Gier und Hybris zähmen. Dabei hoffe ich auf einen starken Beitrag der Kirchen, der Religionen und der Völkergemeinschaft.«
 

Um Kommentare erstellen zu können, bitte einloggen
Bücher
Was ich glaube  
IN UNSEREM SHOP

Was ich glaube Autor: Küng, Hans


Hilfe

Als Mitglied können Sie auf Facebook einen Kommentar posten. Dazu müssen Sie sich einloggen.

LOGIN
Mitglieder Login:

Passwort:


Registrieren


Wer ist online?
Helmut Brauner

1 Mitglied eingeloggt

9 Besucher (15 Minuten)