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Wettbewerb oder Kooperation?

Wettbewerb oder Kooperation? Autor: Harald Hutterer am 10. Jan 2010
27 Prozent der EU-Bevölkerung leiden an psychischen Störungen. Tendenz steigend. In vielen Arbeiten wird als eine der Hauptursachen der steigende Leistungs- und Konkurrenzdruck genannt.


Wettbewerb und Wachstum als Ziele?

Auf dem Europäischen Rat 2000 in Lissabon verständigten sich die Staats- und Regierungschefs darauf, die EU bis 2010 „zum wettbewerbsfähigsten, dynamischsten und wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen - einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen".

Die Lissabon-Strategie ist die zentrale Strategie der EU, neben der sich die Nachhaltigkeits­strategie nur schwer behaupten kann. Wettbewerb und Wirtschaftswachstum sind darin zentrale Begriffe.

Der Begriff Wettbewerb kann verschiedene Bedeutungen haben. Im gegebenen Zusammenhang sind folgende von Bedeutung:

Im Modell der freien Marktwirtschaft nach Adam Smith werden Produktion wie Konsum vom Markt gesteuert. Der freie Wettbewerb der Anbieter von Waren und Leistungen trägt zur Verbesserung des Preis-Leistungsverhältnisses und der Qualität bei.

Die Maxime des freien Wettbewerbs und die ihm zugeschriebenen positiven Wirkungen sind in den westlichen Industriegesellschaften so tief verankert, dass sie alle Lebensbereiche durchdringen. Im Wettbewerb um materielle Güter geht es im Kern um sozialen Status. Es geht darum, besser zu sein als die Anderen. Also darum, dass die Anderen schlechter sein sollen als man selbst. Der Konkurrenzkampf am und um den Arbeitsplatz wird unter dem im Wettbewerb immer weiter steigenden Druck durch Produktivitätssteigerung und Rationalisierung immer heftiger. Mobbing steht immer mehr auf der Tagesordnung. Der Konkurrenzdruck beginnt bereits für die Kinder etwa im Kindergarten und steigt entlang des Ausbildungswegs.

Wie geht es uns damit seelisch?

Laut Grünbuch der EU-Kommission zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung[i] leiden 27 Prozent der EU-Bevölkerung an psychischen Störungen. Tendenz steigend. In vielen Arbeiten wird als eine der Hauptursachen der steigende Leistungs- und Konkurrenzdruck genannt.

Kritiker des Wettbewerbsdenkens sehen eine Eskalation mit schwerwiegenden schädlichen Folgen. Einige Beispiele:

„Aus der Negation jeglicher Gesellschaftlichkeit, der Absage an kooperative Lebenshaltung, dem Rekurs auf sozialdarwinistische Ideologie und der Verherrlichung des ‚Wettbewerbs‘ ergibt sich notwendig der positive Bezug auf konkurrenzbestimmte Beziehungsformen. Der Kampf ums Überleben gilt als Heldentum, die Instrumentalisierung anderer für die eigenen Interessen als normal und die gewaltsame Durchsetzung des Stärkeren als vorbildhaft“[ii].

"Die nächste Ausgrenzungsbewegung richtet sich nun gegen die wirtschaftlich schwachen Gruppen der Gesellschaft. Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, Behinderte, alleinerziehende Mütter und Jugendliche ohne Ausbildung erfahren zunehmend, dass die Noch-Gewinner ihnen die Solidarität aufkündigen. Selbst vom Abstieg bedroht, verwandeln sich friedliche Mittelschicht-Bürger in Wohlstands-Rassisten, die für die Verlierer im globalen Konkurrenzkampf nicht mehr zahlen wollen (...) Die Vorsorge für Alter, Krankheit und Jobverlust müsse wieder dem einzelnen überlassen werden, predigen sie denen, die kein Geld mehr für die Vorsorge haben"[iv].

Das ursprüngliche Leitmotiv menschlichen Handelns

Neueste Erkenntnisse in Gehirnforschung, Neurologie und Psychologie deuten darauf hin, dass das Wettbewerbs- und Konkurrenzverhalten nicht "der biologische Antrieb des Lebens – auch des menschlichen" ist. Der deutsche Internist, Psychotherapeut und Psychiater Joachim Bauer belegt das in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“[v].

Da sich die bisherige Auffassung "nahtlos zum 'Kampf ums Überleben' fügte, den Charles Darwin zur Grundregel der Natur erklärt hatte, schien für viele die Frage nach der Natur des Menschen geklärt". Unter Neurobiologen beginnt sich nun aber die Erkenntnis durchzusetzen, dass das ursprüngliche Leitmotiv menschlichen Handelns eben nicht Konkurrenz ist, sondern ganz im Gegenteil. Das Konkurrenzmotiv wäre also nicht Ausdruck der primären Natur des Menschen, sondern im Gegenteil das Ergebnis einer Störung. Die Neurologen sprechen zunehmend vom „social brain“. Das Gehirn belohnt gelungenes Miteinander durch Ausschüttung von Botenstoffen, die gute Gefühle und Gesundheit erzeugen.

[i]      Grünbuch „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern“, KOM(2005) 484, http://eur-lex.europa.eu/smartapi/cgi/sga_doc?smartapi!celexplus!prod!DocNumber&lg=de&type_doc=COMfinal&an_doc=2005&nu_doc=484

[ii]      Gerlach T. Denkgifte. Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse, Diplomarbeit im Studiengang Psychologie der Universität Bremen. (2000). http://www.kritische-psychologie.de/texte/tg2000a.html

[iii]     Assheuer T., "Der große Ausverkauf", in Die Zeit vom 27.03.2008. http://www.zeit.de/2008/14/Vertrauenskrise-Kapitalismus

[iv]     Schneider, M. (1997): Globalisierung - Mythos und Wirklichkeit. http://www.hessen.dgb.de/dgbbvv/GMH/9703.htm

[v]      Bauer J., Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. Hoffmann und Campe (2006), ISBN-10: 345550017X

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Kommentare
Konferenz - Wachstum im Wandel
Autor: Sana Brauner am 2010-01-13 06:13:58

Lieber Harald!

Danke dir für diesen wunderbaren Artikel, der unter anderem die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt betreffend die Qualität dieses sehr gut beschreibt. Speziell auch der Trend der immer dünner werdenden Mittelschicht ist interessant. Die meisten bekommen kaum mit, dass  hier enorme Veränderungen stattfinden.
Ich würde dich bitten, doch über die Ende Jänner stattfindende Konferenz - Wachstum im Wandel - mehr zu schreiben und darüber zu informieren. Denke, viele hätten Interessen daran teilzunehmen, doch wissen zu wenig darüber.
Alles Liebe
Sana


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