meine monatlichen, kleinen Krimis handeln von den kleinen und großen alltäglichen Gegebenheiten rund ums Büro. Falls Ihnen die eine oder andere Gegebenheit bekannt vorkommt, versichere ich Ihnen: Die Geschichte und deren Personen sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden Abteilungen, pardon, ich meine mit lebenden Kollegen, sind rein zufällig © Bild: 195492_R_K_by_moorhenne_pixelio.de |
Vom Stuhl gefallen
Frieda Frieder und Ihr Bürodrehstuhl haben schon einige gemeinsame Jahre auf dem Buckel.
Sie gewöhnten sich aneinander; dennoch wurde es langsam Zeit, Abschied voneinander zu nehmen. So beschließt Frieda, sich nach einem neuen Stuhl umzuschauen.
Da Frieda zum leistungsfähigen Arbeiten auch einen besonderen Stuhl benötigt, wendet Sie sich an hilfsbereites Fachpersonal im Büromarkt. Dort bekommt Sie auch die gewünschte Beratung und hat schnell einen neuen Stuhl Ihrer Träume auserkoren.
„Sie wissen ja, verehrte Frau Frieder“ erklärt ihr der nette Verkäufer „dass in ihrem Fall ein großer Teil der Kostenübernahme durch die „Dörfliche Rennerversicherung“ gedeckt wird. Aber das dürfte ja in ihrem Fall kein Problem darstellen. Erstens hatten Sie ja von Beginn an einen entsprechenden Bürostuhl und zweitens ist ihre Beeinträchtigung ja Aktenkundig und eindeutig.“ „Ja, das hoffe ich auch,“ antwortet Frieda und verlässt frohen Mutes den Markt.
Unterdessen teilt Sie im Büro Herrn Roland Ruhlich ihr Vorhaben mit. „Na, Frau Frieder, das ist doch kein Problem. Der Stuhl ist abgewetzt, das sieht man ja, und wenn SIE keinen neuen Stuhl nach all den Jahren bekommen, wer dann sonst?- Sollten anteilige Kosten fällig werden, sagen Sie einfach Bescheid. Wir regeln das schon in Ihrem Sinne“ lächelt Herr Ruhlich seine Mitarbeiterin motivierend an.
Vorsichtshalber fragt Frieda beim Betriebsarzt der Behörde nach, ob es sinnvoll ist, seinerseits ein Schreiben mit auf den Weg zur „Dörflichen Rennerversicherung“ mitzugeben.
„Aber Frau Frieder,“ beruhigt Sie der Arzt „ die Aktenlage ist doch eindeutig bei Ihnen. Nein, machen Sie sich keine Sorgen, der Antrag geht problemlos durch, da bin ich sicher“ und fügt lächelnd hinzu: “Wenn nicht SIE, wer soll dann noch einen Stuhl bekommen, haha?“
„Na, dann kann’s ja losgehen“, denkt sich Frieda und füllt eifrig ihren Antrag aus.
Die Tage vergehen wie im Flug und Frieda kann es kaum abwarten, ihren neuen Stuhl endlich in Empfang zu nehmen. Es dauert nicht allzulange und ein Umschlag landet bei ihr auf dem Schreibtisch. Frieda nimmt ihn die Hand und dreht ihn um. Der Absender: „Dörfliche Renner-versicherung“. „Mmhh, ob das ein gutes Zeichen ist, wenn die Antwort so schnell geht? Normalerweise ist die Dörfliche Rennerversicherung nicht von der schnellen Sorte. Vielleicht,“ mahnt sich Frieda zur Besonnenheit „ist es ja nur das Aktenzeichen, unter der mein Antrag ab sofort geführt wird.“ Mit gemischten Gefühlen dreht und wendet Sie den Umschlag, bis Sie endlich den Mut findet, Selbigen aufzureißen. Doch der Inhalt lässt keine rechte Freude aufkommen:
Da heißt es, „…ihrem Antrag kann nicht entsprochen werden…“ Darunter stehen die Be-gründungen, in welchen Falle die Voraussetzung erfüllt sein müssen, um das gute Stück zu erhalten. So liest Frieda mit ungläubigen Augen weiter.
…..die Erwerbsfähigkeit wegen Krankheit oder ….. geistiger oder seelischer Behinderung erheblich gefährdet ist….
„Hä?“ Frieda entgleist das Gesicht. „O.k. mit ein paar dementen Momenten kann ich durch-aus aufwarten, was meine schusseligen Gedanken betrifft. Aber muss ich denn erst ins „Irrenhaus“ eingeliefert werden, um einen Stuhl zu ergattern? Ja, halten die „Bekloppten“ denn auch Bürgersprechstunden ab?“ fragt sich Frieda.
Weiter heißt es in dem Schreiben:
„…bei geminderter Erwerbsfähigkeit …diese durch Leistungen zur medizinischen Reha-bilitation oder zur Teilhabe am Arbeitsleben wesentlich gebessert oder wiederhergestellt oder deren wesentliche Verschlechterung abgewendet werden kann….“
Frieda staunt ob des „Fachchinesisch“ immer mehr. „Ich versteh‘ nur Bahnhof! Ich will nicht zur Kur; ich will einen Stuhl und darauf arbeiten! Ja, und muss ich denn jetzt vom (alten) Stuhl fallen, damit „eine wesentliche Verschlechterung abgewendet wird? Ich könnte es ja mal mit dem klischeehaften Büroschlaf probieren“ denkt sich Frieda sarkastisch „und sieht sich im Geiste langsam zu Boden gleiten…“
Im letzten Absatzes des Briefes steht geschrieben:
„…ohne Aussicht auf eine wesentliche Besserung der Erwerbsfähigkeit der Arbeitsplatz …erhalten werden kann….“
„Allein von diesem „Kauderwelsch“ bekomme ich schon chronische Rückenschmerzen und brauche einen Rückenschonenden Stuhl“ stöhnt Frieda, „Also, egal, ob es besser oder schlechter wird: Die Ablehnung scheint irgendwie schon vor dem Antrag endgültig zu sein“ glaubt Frieda aus dem Schreiben zu entnehmen.
Frieda sieht sich daher in naher Zukunft auf dem Teppich sitzend, mit wallenden Kleidern und Ohm-Rufend ihre Bürgersprechstunde abhaltend. Schließlich wäre doch bei so viel Esoterischer Arbeit „die körperliche, geistige oder seelische erhebliche Behinderung abgewendet.“
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