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Singen - Positiver Einfluss wissenschaftlich bestätigt

Singen entspannt: Wer öfter mal ein Liedchen trällert, hat z.B. seltener Verdauu Autor: Sana Brauner am 19. Mai 2008
Mehr Glücks- und weniger Stresshormone Die entspannende Wirkung des Singens ist wissenschaftlich belegt: Schon nach 30 Minuten Singen produziert das Gehirn vermehrt die Glückshormone Endorphin und Serotonin und reduziert gleichzeitig die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Der Stresslevel wird gesenkt. Stress ist ein Urinstinkt, der den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet.

Foto: djd/Lefax  -  Immerhin zwölf Prozent der Bundesbürger singen in einem Chor

Dr. Jaan Karl Klasmann

Dabei wird der Sympathikus aktiv und bereitet den Körper auf größere Anstrengungen vor. Er hemmt die Verdauung, damit mehr Blut für die Muskeln zur Verfügung steht. Kein Wunder, dass viele Menschen Blähungen bekommen, wenn sie häufig unter Anspannung stehen.

So singt Deutschland

Zwölf Prozent der Deutschen singen laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid in einem Chor. Im Auto sind es sogar 43 Prozent, die sich die Fahrt mit einer kleinen Musikeinlage versüßen. Im Bad trällern immerhin 28 Prozent der Bundesbürger gerne ein Lied.

Folgender Text wurde von Dr. Jaan Karl Klasmann verfasst - er hält seit Jahren zahlreiche Workshops zum Thema:

Singen als Weg zum Selbst
 
Singen braucht keine "Technik", denn es ist ein Stück unserer biologischen Grundausstattung. Wer diese Wahrheit ernst nimmt, muß nur mehr weglassen, womit er sich selbst beim Singen im Weg steht und erfährt, daß er damit nicht nur seine Klangfähigkeit, sondern insgesamt sein eigentliches Wesen befreit.

Ich werde diesen Tag nie vergessen:

Termin bei meinem letzten Lehrer Edvin Szamosi; ein Lied aus Schuberts "Winterreise"; und zum ersten Mal passierte "es": Ich erlebte es, nur dazusitzen und zu erlauben; nicht selbst zu singen, sondern - ja, "es" geschehen zu lassen und dieses erste Mal wirklich vollständig beiseite zu treten - nur zu beobachten, was da aus mir entstand. "Es" sang aus mir - so klangvoll, leicht und berührend, daß es mich zutiefst erschütterte - erstens, weil es so schön war, zweitens, weil das ich sein sollte - meine Schönheit und Fähigkeit. Zugleich aber – ”ich” tat ja nichts - regte sich Unbehagen: "Ich habe Angst", sagte ich Herrn Szamosi. "Wenn das hier Singen ist, dann bin ich ja überflüssig!" Er lächelte mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Freude, Wissen und präziser List: "Ja, wenn Sie sich mit dem identifizieren, was Sie jetzt weggelassen haben, dann sind Sie wirklich überflüssig."

Die Grundthese lautet:
Jeder (organisch gesunde) Mensch kann singen - und zwar richtig.


Wir wissen das, weil wir es alle schon einmal gekonnt haben: Jedes kleine Kind kann buchstäblich stundenlang schreien, ohne heiser zu werden. Es kann mit unvergleichlichem Wohlklang lallen (mit einem nachweislich unübertroffenen Reichtum an mitschwingenden Obertönen). Und eine Kinderstimme trägt mühelos und ohne Kraftanstrengung über weite Plätze und durch riesige Hallen. Für diese unglaubliche Klangentfaltung muß das Kind keinerlei Überlegung aufwenden. Es ist einfach da, und der Körper folgt dem seelischen Impuls, sich auszudrücken von selbst. 

Ein guter Sänger müßte also nicht mehr tun, als er als Kind getan hat - das heißt im Grunde: In diesem Augenblick aus einer von authentischen (also nicht von Pflichtgefühl oder Müssen getragenen) Absicht heraus Musik machen wollen – und seinen Körper musizieren zu lassen. Das gelingt heute freilich den wenigsten, denn in der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft ”kommt” fast immer ”etwas dazwischen”.

Wie kann uns (Gesangs)Kunst in der Tiefe unseres Daseins berühren?”

Der Weg, den ich hier vorschlage, führt zwangsläufig in diese heilsamen Tabuzonen. Er wurde in seiner konkreten Ausformung seit den 20er-Jahren des vorigen Jahrhundertes von dem aus Ungarn stammenden und 1956 nach Wien emigrierten Kantor Lajos Szamosi entwickelt (siehe Kasten). Ausgangspunkt war dabei die überraschende, ja schockierende Erkenntnis, daß es erstens ”etwas” in uns gibt, das weit besser singen kann als ”wir”, und daß diese Instanz zweitens unter ganz bestimmten Umständen tätig wird – nämlich dann, wenn etwas anderes in uns aufgibt.

Dieses letztere Etwas hat mit Technik, Manipulation und Bemühen zu tun und immer auch damit, ein Bild von uns selbst aufrechtzuerhalten, das der Wirklichkeit widerspricht. (Diese beiden Instanzen – das ”Ich”, das nicht weiß, wie man gut singt, und dieses andere, das es ohne die Hinzufügungen dieses ”Ich” schon immer gekonnt hat, werden in spirituelle Traditionen mit ”Ego” und ”Selbst” bezeichnet. Diese Worte sind aber nur dann hilfreich, wenn sie – was selten geschieht – moralinfrei verwendet werden.)

Fast alle von uns haben sehr früh gelernt, daß wir so, wie wir sind, nicht akzeptabel seien.

Unsere Bedürfnisse sind "nervig", unsere Angst "lächerlich", unsere Wut zieht Strafe nach sich, unsere Liebe stößt auf taube Herzen, unsere Freude ist zu laut, Erwartungen der Eltern ("Selbstverständlichkeiten") überfordern uns... Dazu kommen erschreckend oft Traumata wie physische Gewalt oder sexueller Mißbrauch und - weniger dramatisch, aber tief verletzend und extrem häufig - Demütigungen, die direkt das Singen betreffen ("Du kannst nicht singen!" "Du hast keine Stimme!" "Halt lieber den Mund, Du ruiniert den ganzen Chor!", "Nicht so laut! Immer muß man sich mit Dir schämen!" 

Jede derartige Erfahrung geht mit Gefühlen einher, zu deren Verarbeitung wir eine empathische Umgebung bräuchten. Fehlt uns diese, sorgt ein unbewußter Überlebensmechanismus dafür, daß wir das Gefühl nicht mehr wahrnehmen müssen. Wir ziehen z.B. die Schultern hoch, um unseren Kopf vor Schlägen zu schützen, strecken den Brustkorb heraus, um unser Herz zu schützen, ziehen den Bauch ein, um die Wut nicht zu fühlen und neigen das Becken zurück, um Kraft und Lust nicht sichtbar werden zu lassen, gehen auf Zehenspitzen, um der Erde unser Gewicht nicht zuzumuten. Wir verschließen die Kehle mit der Zunge, um unseren hilflosen Protest "hinunterzuschlucken", verkrampfen die Kiefermuskulatur, um trotz Überforderung nicht zu weinen und weitermachen zu können ("wir beißen die Zähne zusammen") . Die Liste läßt sich beliebig verlängern.

Während die meisten Gesangsschulen der Gegenwart  einem solchermaßen gehemmten Menschen zu sagen versuchen, was er tun muß, um einen "brauchbaren" Stimmklang zu erzielen, geht die "Methode Szamosi" davon aus, daß dieses Tun immer wesentlich unvollkommener ist als die Selbstorganisation des Körpers. Sie geht weiters von der Erfahrung aus, daß das Körperwissen, welches dazu fähig ist, nie verloren gehen, sondern höchstens verschüttet werden kann. Deswegen sagt sie Schülern nicht, was sie tun, sondern was sie unterlassen sollen - um geschehen zu lassen, was dann von selbst geschieht.

In einem dieser Momente nach einem Durchbruch, in dem ich dachte: "Ah, jetzt weiß ich, wie's geht!" unterbrach mich Edvin Szamosi noch bevor ich einen Ton von mir geben konnte: "Versuchen Sie nicht, das jetzt zu wiederholen. Das können Sie nicht. Sie können nur nocheinmal die Voraussetzungen dafür schaffen, daß es geschieht!"

So führt dieser Weg, an dessen Ende ich noch lange nicht bin, zu dem Paradox, daß wir uns gerade dort, wo wir ganz beiseite treten zugunsten von etwas, das wir üblicherweise nicht als "wir" bezeichnen, zugleich abschaffen und gerade dadurch ganz zu dem werden, der oder die wir in Wirklichkeit sind: Nichts und alles zugleich.

Lajos Szamosi: Forscherdrang und Zu-Fall

Es war sein eigener "Fehler", ein "Stimmknödel", das den Tenor Lajos Szamosi (1894 - 1977) zu einem der größten Stimmpioniere des 20. Jhdts. machen sollte.

Seit den frühen 20-er Jahren war er unermüdlich in Europa unterwegs, pilgerte von einem berühmten Gesangslehrer zum nächsten, um für sich selbst Abhilfe zu finden - vergeblich. Wegweisende Impulse empfing er schließlich am Münchner Institut für Stimm- und Sprachheilkunde ("Was für Kranke gut ist, muß auch für Sänger gut sein, die vom Weg abgekommen sind!"), in Zusammenarbeit mit HNO-Ärzten und nicht zuletzt durch den Zufall: Bei einem wichtigen Auftritt versagte ihm einmal die Stimme - zumindest dachte er das, weil er sie plötzlich nicht mehr in der gewohnten Weise hören konnte. Er brachte das Programm tapfer zu Ende - verzweifelt und wie ihm schien fast unhörbar - und zu seinem Erstaunen brachen im Publikum Begeisterungsstürme los. Er brauchte einige Zeit um zu begreifen, daß nicht seine Stimme, sondern nur seine Blockade in der Zungenwurzel "versagt" hatte, die sonst durch ihre Spannung einen sogenannten "Muskelklang" ins Innenohr übertragen hatte. Die Lehre: Was sich innen gut anhört, ist gerade der Fehler. Wer gut singen will, muß sich am Körpergefühl, nicht am Klang orientieren!

Szamosis originale Unterrichtsmethode wird heute von seinen Kindern Edvin und Hedda weitergegeben.

Auf dem von ihm entdeckten Prinzip der Selbstregulation durch Aufgabe der Kopf-Kontrolle baut auch die Stimmarbeit einiger ehemaliger Schüler auf - im deutschsprachigen Raum vor allem Marie-Therese Escribano, Romeo Alavi-Kia, Aron Saltiel und der Autor dieses Beitrags.

 

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