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Olympiaden sind schlechte Zeiten für die Obdachlosen - auch in Vancouver 2010

Der neue Augustin, Ausgabe 268, bringt mit dem Â"Neuen Wörterbuch des TeufelsÂ" ei Autor: Sana Brauner am 10. Feb 2010
Der Augustin wurde 1995 nach dem Beispiel amerikanischer, britischer oder französischer Straßenzeitungen gegründet. Der Verkauf der Straßenzeitungen hilft Menschen, die aus verschiedenen Gründen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind (Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen, AsylbewerberInnen u.a.), ihre Not zu lindern.

Der Augustin kostet Euro 2,-, erscheint 14tägig, jeden 2. Mittwoch, außer im Juli, August und über Weihnachten. Die Auflage pro Ausgabe beträgt ca. 31 000 bis 35 000 Stück. Der Augustin ist nur auf der  Straße oder im Abonnement erhältlich, d.h. der Verkäufer/die Verkäuferin bekommt einen Euro. Zur Zeit sind ca. 450 VerkäuferInnen aktiv.

Professionelle SozialarbeiterInnen des Augustin sind an ihrer Seite. Vorrangiges Ziel der Augustin-Sozialarbeit ist aber nicht, die Marginalisierten „jobready“ zu machen, sondern ihren Ausbruch aus der Entmündigung zu fördern.

Der Augustin im speziellen ist unabhängig, d.h er erhält keine Subventionen, weder von Staat, Stadt noch Kirche. Die Finanzierung läuft über den Verkauf der Zeitung oder anderer Augustin-Produkte (Kalender...), der Einnahme durch Inserate im Augustin und natürlich über Spenden.
 

Folgender Artikel von Jürgen Plank zeigt die Schattenseiten der Olympischen Winterspiele in Vancouver auf:

Die Olympischen Spiele als Landfriedensbruch
«Austrian Ski Team Go Home!»

Vancouver, wenige Tage vor dem Start der 21. Olympischen Winterspiele. Peter Schwarzbauer hält mir einen Aufkleber entgegen: «No Olympics On Stolen Native Land». Schwarzbauer ist zwar kein Native American, sondern Österreicher, beschäftigt sich aber seit mehr als 20 Jahren mit der Situation nordamerikanischer Indigener – im Rahmen der Menschenrechtsorganisation AKIN (Arbeitskreis Indianer Nordamerikas).

Der Aufkleber macht klar: In Kanada geht es auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts um ungeklärte Landrechtsfragen, hatten doch die europäischen SiedlerInnen einst das Land meist ohne Rücksicht auf indigene Gruppen in Besitz genommen. Von rund 32 Millionen Menschen im Olympialand sind etwa 3,8 Prozent Indigene, und obwohl Kanada seit 1979 in seiner Verfassung die angestammten Landrechte der Indigenen festgeschrieben hat, werden diese oft bis heute missachtet. «Vor 10 oder 15 Jahren haben die Leute noch gelacht, als die Indianer gesagt haben: Weil wir keine Verträge abgeschlossen haben, besteht nach wie vor unser Eigentum an diesem Land», erzählt Peter Schwarzbauer über British Columbia und einen langwierigen Kampf ums Land.
1984 haben Indigene angestammtes Gebiet in der Größe von 58.000 Quadratkilometern beansprucht und eine Klage über Kompensationen für den Verlust von Land und Ressourcen angestrengt. 1997 fällt der kanadische Oberste Gerichtshof ein für viele überraschendes, als historisch zu bezeichnendes Urteil und erkennt an, dass schon vor dem Eintreffen der EuropäerInnen das Land rechtsgültig verteilt und abgegrenzt war. «Das ist wie bei uns diese Ortstafelgeschichte», sagt Peter Schwarzbauer von AKIN zu diesem Urteil, das in der Realität einfach nicht umgesetzt wird. Im Jahr 2007 hat die UNO-Vollversammlung eine Resolution über die Rechte Indigener Völker verabschiedet. 143 Länder haben die Resolution unterschrieben, vier westliche Industrieländer mit relativ hohem Anteil an Indigenen, nicht: Neuseeland, Australien, die USA – und Kanada.
Das Lobbying von AKIN gegen die Winterspiele begründet Schwarzbauer so: «Die Olympischen Spiele haben mit Sport, mit persönlicher Ertüchtigung oder mit irgendwelchem ethischem oder internationalem Austausch absolut nichts mehr zu tun. Da geht es um Geld, da geht es um Immobilien, da geht es um wenige, die davon profitieren.» Dieser Profit soll im kanadischen Wintertourismus auch nach den Olympischen Spielen lukriert werden: Skiressorts werden errichtet, Straßen, die dorthin führen, gebaut. Auf einem Land, dass viele Menschen nicht nur als Besitz, sondern als mythischen Herkunftsort und spirituellen Raum sehen.

Olympic Resistance Network -
Allein für die Errichtung des Nordischen Schizentrums wurden rund 100.000 Bäume gefällt

Etwa die Hälfte der Indigenen Kanadas leben heute übrigens in Städten, und auch in Vancouver wird leistbarer Lebensraum rar: Viele alte Häuser mit günstigen Wohnungen wurden niedergerissen und neue aufgebaut. In der Stadt am Pazifik sind die Immobilienpreise inzwischen so stark gestiegen, dass sich ärmere Schichten der Gesellschaft – und das sind in überproportional starkem Ausmaß die Indigenen – ihre Wohnungen oft nicht mehr leisten können. Der indigene Menschenrechtsaktivist Arthur Manuel ist Sprecher des Indigenous Network On Economics And Trade (INET) und meinte in einem Interview dazu: «Indigene sind die am meisten marginalisierten Menschen der kanadischen Gesellschaft. Und sie sind in Vancouver durch die Olympischen Spiele weiter an den Rand gedrängt worden. Immobilienbesitzer hingegen haben von der Entwicklung profitiert.»
In Kanada gibt es seit Jahren Widerstand gegen die Winterspiele, laut Peter Schwarzbauer von AKIN wird dort in den Mainstream-Medien darüber kaum berichtet. AKIN arbeitet seit rund einem Jahr mit dem Olympic Resistance Network zusammen, indem Informationen ausgetauscht werden. Der indigene Kwakiutl-Künstler Gord Hill ist selbst aktiv geworden und hat ein zehnminütiges Video zum Thema erstellt, dass auf www.no2010.com zu sehen ist.
Vancouver wirbt zwar damit, die «grünsten Spiele» aller Zeiten zu veranstalten, Peter Schwarzbauer von AKIN versteht aber nicht, warum dem so ist: «Die grünsten Spiele sind eine reine Behauptung, die mit der Realität absolut nichts zu tun hat. Für die Straße zwischen Vancouver und Whistler, den Sea-To-Sky-Highway, sind ganze Berghänge gesprengt worden, da sind Urwälder gerodet worden.» Allein für die Errichtung des Nordischen Schizentrums – wo der Kombinierer Felix Gottwald um Medaillen kämpfen wird – «wurden rund 100.000 Bäume gefällt.»

4 Milliarden Euro für die Spiele – sie fehlen anderswo

Solidarische Unterstützung für Kanadas Indigene gibt es inzwischen auch von Nicht-Indigenen und internationalen NGOs wie AKIN. Die Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz kritisiert in ihrem Bulletin «Unerwünschte Spiele» die teure Infrastruktur der Spiele: 4 Milliarden Euro Steuergelder wurden in die Spiele investiert, während sich in den letzten 8 Jahren die Zahl der Obdachlosen in Vancouver verdoppelt hat.
Die Organisation COHRE (Centre on Housing Rights and Evictions) hat erhoben, dass in den letzten 20 Jahren wegen Olympischer Spiele mehr als 2 Millionen Menschen zwangsumgesiedelt worden sind. Zu zukünftigen Olympischen Spielen meint Peter Schwarzbauer: «Eine tolle Lösung wäre, wenn man einen Standort für Winterspiele und einen Standort für Sommerspiele hat. Dann entsteht nicht jedes Mal, wenn diese Spiele vergeben werden, dieser Wahnsinn um Immobilien, Verdreckung der Umwelt und Vertreibung von Leuten, sondern man kann sich auf den Sport konzentrieren.»
Ganz in der Nähe von Whistler, wo alle Schibewerbe der Winterspiele stattfinden werden, liegt Kanadas zweitgrößtes Schigebiet: Sun Peaks – angelegt auf indigenem Land. Vor fünfzehn Jahren gab es hier nur ein paar Fremdenzimmer und einen Lift. Die Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz schreibt zu Sun Peaks: «Die Österreichische Skinationalmannschaft trainiert regelmäßig in Sun Peaks. Auch weil der Präsident des Österreichischen Skiverbandes mit einem Unternehmen an der Vermarktung von Sun Peaks beteiligt ist.» Die Region macht Werbung mit dem besten Schiteam der Welt, gegen den ÖSV (Österreichischer Schiverband) und dessen Präsidenten Peter Schröcksnadel gab es aber auch schon Transparente wie «Schröcksi ist kein Freund der Indianer» und «Austrian Ski Team Go Home!!». Das Land, auf dem Sun Peaks errichtet wurde, beanspruchen Angehörige der Gruppe der Neskonlith für sich: Aufgrund eines Vertrages aus dem Jahr 1862, mit dem ihnen der Provinzgouverneur von British Columbia die Landrechte zugesichert hat.

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