Autor: Günter Nöll am 05. Feb 2009 Nahrung, die uns gesund macht – Nahrung, die uns krank macht. Jener Regulationsmechanismus, der in unserem Körper den Blutzucker (Glucose) immer konstant zu halten versucht, hat sich während einer Jahrmillionen dauernden Evolution herausgebildet. Während dieser gesamten Zeit war Zucker, wie wir ihn als sofort verwertbare Glucose kennen, über natürliche Nahrung praktisch nicht verfügbar. Eine Ausnahme war der eher seltene Honig, an den nur schwer und unter Gefahr heranzukommen war. Das war selbst vor 200 Jahren noch so. Seit aber Zucker industriell billig auf den Markt geworfen werden kann, überschwemmt er unseren Körper in jeder erdenklichen Form und macht ihm arg zu schaffen; denn dafür ist er nicht gebaut. |
Monopole und Drohbrief an die WHO
Wie in der letzten Folge schon angedeutet, ist man sich aus medizinischer Sicht darüber einig, dass der in unserer Nahrung enthaltene Zucker 10% keinesfalls übersteigen sollte. Die Zuckerindustrie ist da anderer Meinung. Um ihrem aus reiner Profitgier resultierenden Standpunkt entsprechend Nachdruck zu verleihen, schrieb die amerikanische Vereinigung der Zuckerproduzenten an die WHO einen Drohbrief, in dem es unter anderem hieß:
„ ... falls nötig, werden wir dafür sorgen, dass die Gesetze zur Finanzierung der WHO (mittels Steuergeldern) auf eine neue Grundlage gestellt werden!“ Immerhin bekommt die WHO (Weltgesundheitsorganisation) jährlich vom amerikanischen Kongress $ 406 Millionen.
Täglich konsumierte Menge an Kalorien darf zu höchstens 10% von Zucker stammen
Was war geschehen? Die WHO hatte angekündigt, sie werde in einem Bericht die Empfehlung aussprechen, dass die täglich konsumierte Menge an Kalorien zu höchstens 10% von Zucker stammen dürfe – mehr sei in jedem Falle als gesundheitsschädlich zu betrachten. Dazu muss man sich erinnern, dass Zucker in versteckter Form in sehr vielen Nahrungsmitteln enthalten ist, von Gebäck über Konserven bis zu Softdrinks. Die Vereinigung amerikanischer Zuckerproduzenten hält hingegen einen Grenzwert von 25% (!) für „wissenschaftlich begründbar“. Zudem würde man durch Beschränkungen des täglichen Zuckerkonsums den wirtschaftlichen Aufschwung der Zucker anbauenden Entwicklungsländer gefährden, Arbeitsplätze vernichten etc. Abgesehen davon, dass man mit Argumenten wie dem letzten jeden „sozial engagierten“ Politiker in Bedrängnis zu bringen, ist das zuerst genannte Argument ziemlich scheinheilig angesichts der paar Prozent vom Gesamtprofit, die üblicherweise beim Erzeuger letztlich hängen bleiben, ob es sich nun um Zuckerrohr, Tabak, Erdöl oder Rauschdrogen handelt.
Wieso eigentlich „Rauschdrogen“ in unserem Zusammenhang?
Es gibt inzwischen deutliche Hinweise darauf, dass sowohl versteckter Zucker als auch versteckte (gesättigte) Fette in Nahrungsmitteln in unserem Gehirn biochemische Prozesse auslösen, die zu Abhängigkeit führen!
Wie gut Industrie-Lobbying funktioniert, wird gerade jetzt wieder am Beispiel der Automobil-Industrie deutlich. Plötzlich verlieren Klimaschutz-Argumente (der Auto-Industrie waren sie immer ein Dorn im Auge!) ihre Priorität nach dem Motto: nach uns die Sintflut! Lobbying ist zur hohen Kunst des Antichambrierens avanciert: Industrie, Landwirtschaft, ja sogar religiöse Gruppierungen beherrschen sie perfekt – und leider sehr effizient, weil Politiker offenbar aufgrund fehlender eigener Standpunkte leicht beeinflussbar, in vielen Fällen aber indirekt oder auch ganz direkt bestechlich sind.
Das denkbar schlechteste Lobbying indessen haben die Verbraucher!
Sie haben letztlich immer die Zeche zu bezahlen: über die Subventionen, die Industrie und all die anderen aus Steuergeldern erhalten – und über die Endverbraucherpreise selbst. Kaum jemand kommt da auf den Gedanken, dass ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage vielleicht auch darauf zurückführbar sein könnte, dass alte Wirtschaftsstrukturen und überkommene Industriezweige heutigen Erfordernissen einfach nicht mehr genügen. Verkaufszahlen und Absatz weiterhin künstlich hoch zu halten, geht offenbar an den aktuellen Bedürfnissen unserer Zeit vorbei und orientiert sich an der Vergangenheit, nicht an der Zukunft. Sollen doch unsere Nachkommen selbst zusehen, wie sie mit den ihnen von uns überlassenen Problemen fertig werden, Hauptsache die Kasse stimmt j e t z t !
Und so sind wir auch hinsichtlich unserer Ernährung in ein Dilemma geraten: wir haben uns von unserem natürlichen Ursprung weit entfernt. Um in unserer hoch technisierten Welt überleben zu können, scheint es fast so, als müssten wir uns ungesund ernähren - die daraus resultierenden „degenerativen“ Krankheiten sind indessen nicht mehr finanzierbar!
Zukunftsstrategien
Lassen sich unser hochzivilisierter Lebensstil und unser genetisches Erbe aus vergangenen Jahrmillionen miteinander vereinbaren? Dies ist sicher eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, eine Herausforderung, der sich jeder einzelne ganz individuell stellen muss; denn er allein muss mit den Konsequenzen leben – niemand anderer!
Allzu lange haben wir die Verantwortung für diese Konsequenzen auf andere abgeschoben: auf den Staat, auf Versicherungen, auf den Arzt. Wir lassen uns indessen nicht alle über ein und denselben Kamm scheren: so hat jeder beispielsweise sein ganz individuelles Verdauungssystem, auf dessen Bedürfnisse und Möglichkeiten er achten muss, sein ganz individuelles Immunsystem, das es zu fördern gilt, seine ganz eigene Psyche, die im Gleichgewicht sein muss.
Die Verantwortung wieder selbst zu übernehmen bedeutet z.B.:
kritischen Umgang mit Industrienahrungsmitteln und der damit verbundenen Verarmung an essentiellen Nahrungsbestandteilen;
kritischen Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln (einer bisweilen geradezu absurden Fehlentwicklung) und Vitaminpräparaten;
kritischen Umgang mit Werbung, die diese Industrienahrungsmittel an den Mann/die Frau zu bringen versucht – Werbung ist eine denkbar schlechte Informationsquelle;
kritischen Umgang mit eigenen Koch- und Eßgewohnheiten – auch durch (erlernte) unsachgemäße Zubereitung von Lebensmitteln in der eigenen Küche können wir Schäden anrichten, die auf längere Sicht nicht hinter den durch Industrienahrung heraufbeschworenen zurückstehen.
Eigenverantwortung heißt in unserem Zusammenhang: in der heutigen hochkomplexen Welt durch bewusste, auf solider Information basierende Entscheidungen zu erreichen, was wir in der Steinzeit noch intuitiv und unüberlegt richtig gemacht haben: lange gesund zu leben!
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