Autor: Günter Nöll am 12. Nov 2008 Fragwürdige Delikatessen Vor allem drei Kriterien bestimmen unsere heutige Ernährungsweise: Modeerscheinungen, Züchtungsziele, Industrialisierung unserer Ernährung. Zunächst zum Thema „Modeerscheinungen“ – Stichwort „Delikatessen“. Delikatessen sind, was die anderen – die „armen Leute“ – sich nicht leisten können! Wieder einmal zur Relativierung: nordamerikanische Einwanderer der Ostküste pflegten sich einst bei ihren Gästen zu entschuldigen, es sei ihnen zwar sehr peinlich, dass sie nur Hummer und Austern zum Nachtmahl anbieten könnten, aber sie hätten nun mal nichts anderes! |
Ein wesentliches Kriterium für die so genannte „führende Schicht“ – welcher Couleur auch immer – waren ja im Hinblick auf ihre Ernährung nicht etwa gesundheitliche Aspekte, sondern ob man sich erfolgreich gegen die „Ärmeren“ absetzen konnte: Prestige zu wahren und zu fördern, sich zu profilieren. Und das gelang mit seltenem Gaumenkitzel, der teuer, weil weit hergeholt war – aus Übersee z.B. Besonders seit den Entdeckungsfahrten in ferne Länder sticht dies immer mehr ins Auge: Gewürze, tropische Früchte ... - während viele wertvolle Wildgemüsearten unserer Heimat zum „Arme-Leute-Essen“ verkamen; denn die konnte sich ja jeder leisten, sie waren sogar kostenlos!
Demgegenüber galt für den Großteil der wirklich hart arbeitenden Bauern, später – mit Beginn der technischen Revolution – der Industriearbeiter, seit jeher dies als das oberste Kriterium für ihr Essverhalten: genügend Energie zu bekommen. Darüber hinaus standen hinreichend Proteine ganz oben auf ihrer Wunschliste. Immerhin hatten sie ja noch höchste körperliche Anstrengung zu vollbringen, so dass ihnen eine fett- und eiweißreiche Kost nicht so sehr schaden konnte wie uns wahrhaft „sesshaft“ gewordenen Menschen des Computer-Zeitalters!
Fatale Züchtungsziele
Diese unsere steinzeitliche Programmierung auf energiereiche Kost, sprich auf Süßes, Cremiges und Fettes hat seit Beginn der Sesshaftwerdung eine sehr fatale Konsequenz. Sie legt nämlich die Kriterien fest für die Domestizierung von Wildpflanzen und Wildtieren, also für das Züchten gemäß der Gleichung:
Maximierung der Kalorien = Minimierung des Verhungerns!
Je größer eine Pflanze, deren Knollen oder Samen, umso mehr Kohlenhydrate (= Energie)! Je größer die Nutztiere (angefangen hatte es mit Schafen und Ziegen, um schließlich bei stattlichen Rindern zu enden), umso mehr Eiweiß - und leider auch Fett, noch dazu das falsche, nämlich solches aus langkettigen gesättigten Fettsäuren. In heutigem Zuchtfleisch liegt sein Anteil bei 20%, bei Wildfleisch hingegen nur um die 4%, noch dazu sind es da die wesentlich gesünderen ungesättigten Fettsäuren!
Immer mehr wich der Züchter von dem ab, woran sein Körper eigentlich angepasst war: von jenen Wildformen, aus denen er nach folgenden (unbewussten wie bewussten) Gesichtspunkten auswählte, um sie dann nach eben diesen Kriterien auch weiter zu kultivieren: Größe, Aussehen, Form, Farbe, spektakuläres Äußeres, leichte Pflege, einfache Ernte, gute Lagerfähigkeit, möglichst wenig Bitterstoffe, Süße („Zucker-Karotten“!) – am allerwenigsten ist heute noch guter Geschmack ein anerkanntes Züchtungsziel! All diese züchterischen Veränderungen gingen zwangsläufig einher mit einem Verlust an wertvollen Inhaltsstoffen, eben jenen Inhaltsstoffen in den Wildformen, von denen sich unser Körper ganz sinnvoll und in sich stimmig über zahllose Generationen hinweg abhängig gemacht hatte. So sank z.B. der Vitamin C-Gehalt in Kopfsalat (bereits seit dem Altertum gezüchtet!) auf 5% dessen, was in Wildpflanzen gewöhnlicher Durchschnitt ist.
„Raffinierte“ Industrienahrung
Ein Folgeprodukt solch züchterischen Bemühens ist der Zucker – zunächst aus Zuckerrohr, dann auch aus Zuckerrüben gewonnen. „Raffinierter“ Kristallzucker – ebenso wie „raffiniertes“ weißes Mehl – waren ursprünglich in ihrer Herstellung so aufwendig, sprich teuer, dass nur die gehobenen Schichten sich solche Extravaganzen leisten konnten. Heute sind „raffinierte“ Nahrungsmittel zum Synonym für billige, wertlose Massenware geworden – weit einfacher auf den Markt zu werfen als etwa biologisch kontrollierte Lebensmittel.
Und damit taucht ein letztes wichtiges Kriterium in dieser Liste auf, das unsere Art der Ernährung charakterisiert: was bekomme ich eigentlich heute überhaupt noch zu essen – möglichst billig versteht sich - die Industrialisierung unserer Ernährung! Zu 75% ernährt sich inzwischen jeder Österreicher von Industrienahrung (in den U.S.A.: 95%) – ein gigantischer Markt, Tummelfeld und Nährboden für Lobbyisten, Kartelle und Monopole.
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