Autor: Floco Tausin am 21. Aug 2011 Mouches volantes und Trance – ein universelles Phänomen bei erweiterten Bewusstseinszuständen früher und heute
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Mitte der 1990er Jahre traf ich im Schweizer Emmental einen zurückgezogen lebenden Mann namens Nestor, der einen einzigartigen und provozierenden Anspruch hat: Dass er sich seit Jahren auf immer wieder dieselbe Konstellation von riesigen leuchtenden Kugeln und Fäden konzentriert, die sich in seinem Blickfeld gebildet haben. Diese Kugeln und Fäden würden am Beginn einer durch unser Bewusstsein gebildeten feinstofflichen Struktur stehen, die wiederum unsere materielle Welt hervorbringen würde. Nestor, der sich als Seher versteht, führt seine subjektive visuelle Wahrnehmung auf seine jahrelangen Bemühungen um Bewusstseinsentwicklung zurück, welche eine entsprechende Lebensweise sowie Praktiken für temporäre Intensitätssteigerung und Bewusstseinserweiterung beinhalten. Durch diese Praktiken hätten sich jene Kugeln und Fäden, die zunächst klein, weit weg und sehr beweglich gewesen seien, nun vergrössert, seien näher gekommen, hätten zu leuchten angefangen und er könne sie nun mit seinem Blick festhalten. Nestor selbst hat sein Sehen als erweiterte Wahrnehmung desjenigen Phänomens erklärt, das in der Augenheilkunde mit dem Sammelbegriff „Mouches volantes“ (frz. für „fliegende Mücken“) umschrieben wird.
Mouches volantes sind eine entoptische, d.h. vom menschlichen Sehsystem selbst verursachte Erscheinung. Gemeint sind damit alle Arten von Trübungen im Glaskörper des Auges, welche die Sicht des Patienten beeinträchtigen. Mouches volantes, die als vereinzelte bewegliche Punkte und Fäden auftreten, gelten als harmlos. Ihre wissenschaftliche Erklärung ist nicht eindeutig, doch heute führt man sie meist auf Verklumpungen des Glaskörpergerüstes zurück. Viele Menschen können dieses Phänomen beobachten, die meisten kümmern sich nicht darum, einige wenige fühlen sich dadurch in ihrer Sicht massiv beeinträchtigt und erwägen operative Massnahmen, die allerdings bisher uneffektiv und risikoreich sind. Die Ärzte ihrerseits können im Auge des Patienten meistens nichts feststellen, empfehlen aber bei Erscheinen von Mouches volantes eine vorsorgliche Abklärung.
Wenn Nestor mit seiner Behauptung Recht hat, würde dies eine völlig falsche Einschätzung der Mouches volantes durch die heutige Medizin bedeuten. Allerdings stehen diese Aussagen von vornherein auf verlorenem Posten, denn einerseits beansprucht eine mächtige Augenheilkunde das Erklärungsmonopol der Mouches volantes für sich, anderseits handelt es sich bei den Wahrnehmungen von Nestor um eine subjektive visuelle Erscheinung, die bisher von den meisten anderen Menschen nicht oder nur bedingt bestätigt werden konnte. Dieser Artikel soll zeigen, dass die Interpretation entoptischer Phänomene wie den Mouches volantes als spirituell bedeutungsvolle Wahrnehmung im Zusammenhang mit Bewusstseinserweiterungen keineswegs eine moderne Spinnerei ist, sondern seit Jahrtausenden und in vielen Kulturen besteht.
Steinzeitliche Felskunst als entoptische Erscheinungen – eine Studie
Im 19. Jahrhundert entstand unter europäischen und amerikanischen Forschern, Optikern, Physiologen und Philosophen, ein breites Interesse an entoptischen Erscheinungen. Man begann damit zu experimentieren, zunächst mit elektrischer Stimulierung von Hirn und Netzhaut, im 20. Jahrhundert auch mit bewusstseinsverändernden Substanzen. Einer der ersten, die solche Mittel eingesetzt haben, war Heinrich Klüver, der in den 1920er Jahren durch Meskalin hervorgebrachte Visionen und ihre psychologischen Effekte untersuchte. Einen Höhepunkt erreichten die Experimente in den 1960er und 70er Jahren, wo in den USA und in Europa mit Substanzen wie THC, Meskalin, Psilocybin und LSD Tests an Versuchspersonen durchgeführt worden sind, die Klüvers Befunde z.T. bestätigten. Weitere Experimente, die den Zusammenhang von veränderten Bewusstseinszuständen und entoptischen Phänomenen beleuchtet hätten, wurden jedoch verhindert, als der Konsum bewusstseinserweiternder Substanzen zunächst in Amerika, dann auch in Europa und weltweit verboten wurde.
Auf dieses Erbe der 1960er und 70er Jahre greifen zwei südafrikanische Archäologen zurück, die 1988 mit einer alternativen Interpretation steinzeitlicher Felskunst eine Aufsehen erregende Studie veröffentlichten. David Lewis-Williams und Thomas Dowson beobachteten, dass sich die Höhlen- und Steinkunst der jüngeren Altsteinzeit (ca. 40’000-10'000 v. Chr.) durch zwei hauptsächliche Themen auszeichnet: Zum einen finden wir bildhafte Darstellungen von Tieren und Menschen; zum anderen lässt sich eine Vorliebe für geometrische Figuren wie Punkte, Linien, Kurven etc. feststellen. Über die Bedeutung der Letzteren rätselten die Archäologen seit jeher.
Die beiden Forscher brachten nun die These hervor, dass diese geometrischen Formen durch subjektive visuelle Phänomene inspiriert seien, welche damalige Schamanen bzw. heilige Frauen und Männer während veränderten Bewusstseinszuständen gesehen haben sollen. Als subjektive visuelle Phänomene gelten einerseits bildhafte Halluzinationen, anderseits entoptische Erscheinungen, das sind farbige oder leuchtende bewegte geometrische Formen und Muster. Lewis-Williams und Dowson sowie die spätere Literatur konzentrieren sich auf die entoptischen Erscheinungen. Denn während die bildhaften Halluzinationen durch kulturelle Faktoren in einem Individuum geprägt sind, gelten die entoptischen Erscheinungen als rein durch das Nervensystem erzeugt; sie würden durch entsprechende Stimulationen des Nervensystems irgendwo im visuellen System zwischen Netzhaut und Sehzentrum im Hirn entstehen. Hierbei werden zwei Arten von entoptischen Erscheinungen unterschieden: Einerseits die Phosphene, Lichterscheinungen, deren Entstehung auf physische Einwirkung auf die Netzhaut zurückgeführt werden; und die sogenannten „form constants“, geometrische Formen, die in veränderten Bewusstseinszuständen auftreten.
Bild 1: Arten von subjektiven visuellen Phänomenen.
Die Forscher betonen, dass wir immer noch dasselbe Nervensystem hätten wie die Menschen der Vorzeit. Das heisst, dass wir unabhängig von kulturellen Einflüssen grundsätzlich dieselben entoptischen Erscheinungen wahrnehmen können wie die Menschen vor rund 40'000 Jahren. Bei solchen Erscheinungen handelt es sich also um eine menschliche Universalie, und dieser Umstand ermöglicht es den Forschern, ohne Rücksicht auf Zeit und Kultur Vergleiche zwischen der damaligen und der heutigen Kunst durchzuführen, um ihre These zu stützen.
Die Autoren entwickelten zunächst ein neuropsychologisches Modell von der Wahrnehmung entoptischer Phänomene, auf der Grundlage der Studien der 1960ern und 70ern Jahren. Anschliessend testeten Lewis-Williams und Dowson dieses Modell anhand der Kunst von zwei gegenwärtigen schamanistischen Gesellschaften, den südafrikanischen San und der amerikanischen Shoshonen gesellschaft Coso des Great Basin in den USA. Schliesslich wandten die Autoren ihr Modell auf eingemeisselte und gemalte steinzeitliche Felskunst an und bekräftigten damit ihre Hypothese, dass diese Kunst ebenfalls mit Schamanismus und veränderten Bewusstseinszuständen, hervorgerufen durch Drogen, Rhythmik, Tanz, Schlafentzug, Fasten etc., einhergeht.
Bild 2: Entoptische Erscheinungen, typisiert aufgrund von Experimenten mit bewusstseinsverändernden Substanzen, angewandt auf die Kunst heutiger San und Coso sowie altsteinzeitliche Kunst (nach: Lewis-Williams und Dowson 1988, S. 206/7).
Kritik am Modell und weitere Studien
Die Studie von Lewis-Williams und Dowson war nicht die erste, die die Kunst früherer oder heutiger aussereuropäischer Kulturen mit entoptischen Erscheinungen verknüpfte; aber sie war diejenige, die die höchsten Wellen geschlagen hat und die Forscher über die Grenzen der Archäologie hinaus zu weiteren Untersuchungen in dieser Richtung bewegte.
Die hauptsächliche Kritik an Lewis-Williams’ und Dowsons These konzentrierte sich darauf, den Zusammenhang von diesen geometrischen Figuren und entoptischen Erscheinungen zu entkräften bzw. den Zusammenhang von entoptischen Erscheinungen und bewusstseinserweiternden schamanistischen Praktiken in Frage zu stellen. So wurde beispielsweise argumentiert, dass auch in der abstrakten Kunst nicht-schamanistischer Gesellschaften ähnliche Muster auftauchen, ja sogar in den Kritzeleien kleiner Kinder könne man „entoptische“ Formen sehen. Solche geometrischen Figuren an Höhlenwänden könnten also simple Kritzeleien von Kindern sein. Zur genaueren Untersuchung wandten Archäologen in den folgenden Jahren das neuropsychologische Modell auf weitere europäische Regionen und Zeiten an und bauten es dadurch weiter aus, korrigierten es oder bestätigten es.
Heute ist das Thema etwas abgeklungen. Die Grundidee von Lewis-Williams und Dowson fand insgesamt grossen Anklang, ohne dass sie vollends bestätigt oder widerlegt werden konnte. Mir scheint die These plausibel, v.a. wenn wir den Blick auf die Gegenwart lenken: Hier stellt die Anthropologin Erika Bourguignon fest, dass von 488 Gesellschaften 437 über eine institutionalisierte Form von Bewusstseinsveränderungen verfügen. Und es sind genau diese veränderten Bewusstseinszustände, welche den Schnittpunkt zwischen der Wahrnehmung entoptischer Erscheinungen und intensiven religiösen Erlebnissen bilden. Wenn also gut 90% aller Gesellschaften über Praktiken der gezielten Bewusstseinsveränderung verfügen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die meisten Gesellschaften diese entoptischen Erscheinungen nicht nur bewusst wahrnehmen, sondern ihnen auch eine kulturelle oder religiöse Bedeutung beimessen.
Heutige Gesellschaften bestätigen dies. So nennt die amerikanische Anthropologin Linda Thurston in ihrer Masterarbeit von 1991 eine Vielzahl von Beispielen, wo Ethnologen die halluzinogene Kunst von Indigenen untersucht und teilweise auf das physiologische Sehsystem zurückgeführt haben, ohne sich speziell mit entoptischen Phänomene zu befassen. Als Beispiele lassen sich neben den bereits erwähnten San und Coso nennen: die indianische Kunst in Peru, darunter die berühmten Nazca-Linien; die Kunst der Tukano am kolumbianischen Amazonas; die Garn-Kunst der Huichol-Indianer in Mexiko; die sogenannten „grecas“ in der nordamerikanischen indianischen Kunst; die „grecas“ ähneln der griechischen geometrischen Kunst, deren Muster ebenfalls entoptisch sein könnten; sowie die geometrische Kunst der Shang Chinesen. Thurston selbst zeigt die Entoptik in der Kunst der australischen Aborigines auf, v.a. in deren Tradition des Träumens. Alle diese Gesellschaften arbeiten oder arbeiteten mit veränderten Bewusstseinszuständen, die im religiösen Ritual durch verschiedene Techniken und Mittel herbeigeführt wurden. Von daher ist es durchaus denkbar, dass alte bekannte religiöse Symbole wie die hinduistischen und buddhistischen Yantras und Mandalas, das indische Sonnenrad (Svastika), die Anordnung der zehn kabbalistischen Sefirot oder gewisse Darstellungen des christlichen Kreuzes ursprünglich auf die Wahrnehmung entoptischer Muster in erweiterten Bewusstseinszuständen zurückgehen.
Hinweise auf Mouches volantes
Die Diskussion, die von Lewis-Williams und Dowson angeregt worden ist, ist bedeutungsvoll, weil hier entoptische Erscheinungen (und Halluzinationen) nicht wie sonst üblich als physiologische Kuriosität gesehen oder gar in Zusammenhang mit krankhaften Zuständen gesetzt werden, sondern Teil einer fundamentalen, kulturübergreifenden Erfahrung der Menschheit bilden.
Was jedoch im Allgemeinen für entoptische Erscheinungen gilt, ist im Speziellen für einzelne von ihnen nicht leicht nachzuvollziehen. Dies ist insbesondere der Fall bei den eingangs erwähnten Mouches volantes, die in unserer Gesellschaft mehr als andere entoptische Phänomene als „Störung“ oder Schlimmeres bewertet werden. Es fällt auf, dass dieses Phänomen in der hier verwendeten Literatur bis auf einen einzigen Fall nicht namentlich erwähnt, höchtens hie und da am Rande umschrieben werden. Dies hat m.E. zwei Gründe: Einerseits scheinen Mouches volantes eine Kategorie für sich zu bilden, sie sind weder typische Phosphene, welche als farbige Flecken, v.a. Nachbilder beschrieben werden; noch sind sie typische „form constants“, denn jene geometrischen Linien und Formen treten v.a. in erweiterten Bewusstseinszuständen auf und können auch im Dunkeln gesehen werden. Mouches volantes hingegen werden von vielen Menschen im alltäglichen Wachzustand wahrgenommen, wenn genügend Licht vorhanden ist. Sie gelten daher als normal und ungewöhnlich.
Ein weiterer Grund für den Ausschluss der Mouches volantes liegt vermutlich in der Tatsache, dass diese Punkte und Fäden von der Physiologie nicht wie die Phosphene oder die form constants als natürliche, wenn auch aussergewöhnliche Funktion der Netzhaut oder des Nervensystems bzw. Hirns erklärt werden, sondern als „Trübung“, als Sicht verdeckende Partikel oder Verklumpungen im Glaskörper, kurz: als etwas Negatives. Zu behaupten, bei den angeblich religiös bedeutungsvollen geometrischen Kunst schamanistischer Gesellschaften würde es sich bloss um Trübungen und Verklumpungen im Glaskörper handeln, würde einer Geringschätzung jener Kunst gleichkommen. Zu dieser augenheilkundlichen Lokalisierung und Erklärung ist allerdings zu sagen, dass sie alles andere als sicher ist: Durch die Jahrhunderte hindurch dachte man sich den effektiven Ort der Mouches volantes immer wieder woanders im Auge, entsprechend dem Wissensstand der Zeit; und auch heute ist nicht erwiesen, dass sich die kleinen, zahlreichen beweglichen Pünktchen und Fädchen tatsächlich im Glaskörper befinden, da sie von den Ärzten häufig nicht festgestellt werden können. Es ist also gut möglich, dass auch Mouches volantes – physiologisch betrachtet – ihre materielle Entsprechung irgendwo zwischen Netzhaut und Sehzentrum haben.
Wo es aber nicht um vage Erkläungen, sondern um konkrete Wahrnehmungen geht, gibt es nichts, was gegen den Einschluss von Mouches volantes sprechen würde: Nach den Aussagen von Nestor sowie meiner eigenen Erfahrung ist es so, dass sich Mouches volantes gemäss dem Bewusstseinszustand verändern: Sie können grösser werden und näher kommen und leuchten dabei mehr auf; dieser Prozess geht einher mit dem Ausströmen von Energie aus dem Körper, von Nestor als Ekstase beschrieben. Mouches volantes stehen damit in unmittelbarer Verbindung mit veränderten Bewusstseinszuständen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass in solchen Situationen oft verschiedene entoptische Erscheinungen und Halluzinationen zusammen auftreten, und dass die Unterscheidung und Klassifikation der einzelnen entoptischen Erscheinungen wiederum eine kulturelle Frage und vermutlich somit zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft verschieden ist.
Betrachten wir aber die Bilder von Kunst, die durch entoptische Erscheinungen inspiriert ist, finden wir durchaus Hinweise, dass Mouches volantes unter den diskutierten universellen entoptischen Erscheinungen zu finden sind und somit auch eine spirituelle oder religiöse Bedeutung erfahren haben dürften. Von Lewis-Williams’ und Dowsons sechs Basistypen (die grundsätzlich alle auf Punkte und Linien bzw. Fäden reduziert werden können) entsprechen die Punkte sowie die Filigrane (geschlängelte Linien) am ehesten den Punkten und Fäden, die wir als Mouches volantes kennen:
1) Die Punkte sind meistens ausgefüllte Punkte oder Kreise, d.h. sie könnten den Mouches volantes in ihrem konzentrierten und leuchtenden Zustand entsprechen, wo die Doppelmembran kaum noch sichtbar ist. Sie treten gesondert oder integriert in bildlichen Darstellungen auf:
Bild 3: Neandertaler Grabplatte (nach: Smith, 199).
Bild 4: Schnitzerei aus dem Stosszahn eines Mammuts, Sungir, Russland (nach: Smith, S. 202).
Sind die Kugeln der Leuchtstruktur dagegen gross und entspannt, können wir klar sehen, dass sie eine Hülle und einen Kern aufweisen. Auch diese Form treffen wir in der altsteinzeitlichen Kunst an:
Bild 5: Steinkunst in Dumfries and Galloway, Schottland (nach: Fowler und Cummings, S. 11).
Bild 6: Ein Tukano-Schamane (Barasana-Gruppe) zeichnet entoptische Formen in den Sand, Pira-paraná-Fluss (nach: Reichel-Dolmatoff, Fig. 30).
Bild 7: Zeichnung einer Sequenz aus der Yajé-Vision eines Tukano (Barasana-Gruppe) (nach: Dronfield, S. 381).
Anders als bei der altsteinzeitlichen Kunst, wo man über die Bedeutung der Punkte nur spekulieren kann, haben wir bei den Darstellungen heutiger Visionäre auch die Interpretation: Die abstrakten geometrischen Formen beispielsweise, die die Tukano-Schamanen während ihren halluzinatorischen Erlebnissen sehen und sorgfältig auseinander halten, haben für diese indianische Gesellschaft eine so überragende Bedeutung, dass sie die Basis bilden nicht nur für die Kunst, sondern auch für die Klassifizierung der Natur sowie für soziale Regeln bis hin zu Körperbewegungen. Sie stehen darüber hinaus in Zusammenhang mit Konzepten und Mythen über die Weltentstehung, wo sie häufig mit Fruchtbarkeit und Sexualität assoziiert werden. So bedeuten die konzentrischen Kreise auf Bild 6 Regen oder Samen, und sie symbolisieren auf abstrakter Ebene die (männliche) befruchtende Kraft. Tukano-Schamanen berichten zudem, dass sie während veränderten Bewusstseinszuständen endlose Ketten leuchtender Punkte sehen, was ein Hinweis ist auf die Leuchtfähigkeit der Mouches volantes aus sich selbst heraus.
2) Auch bei den Linien bzw. Fäden gibt es Darstellungen altsteinzeitlicher sowie moderner schamanistischer Kunst, welche den Fäden der Mouches volantes nahekommen:
Bild 8 und 9: Altsteinzeitliche „Filigrane“ (nach: Lewis-Williams und Dowson, 1988, S. 207).
Bei den Mouches volantes können wir auch Fäden sehen, die aus Kugeln bestehen, bzw. Kugeln beinhalten. Diese Beobachtung wurde vermutlich auch von Tukano-Indianern mit Hilfe bewusstseinserweiternden Pflanzen gemacht. Sowohl ihre, wie andere Darstellungen tragen solchen Wahrnehmungen Rechnung:
Bild 10: Tukano Zeichnungen mentaler Bilder auf Rindenkleidung (nach: Lewis-Williams, On Vision and Power, CA, S. 58, Fig. 6).
Bild 11: Menschen mit Pilzköpfen, umgeben von Ketten aus Kugeln, Tassili-Region, algerische Sahara, ca. 10'000 Jahre alt
Schlussfolgerung
Entoptische Phänomenen waren für viele Gesellschaften vieler Zeiten bedeutend. Heilige Frauen und Männer haben sie immer wieder beobachtet, aufgezeichnet und sie religiös interpretiert. Von daher sind sie in die Kultur eingegangen, als Basis für die Kunst, z.T. auch für Klassifikationen natürlicher Erscheinungen und für soziales Verhalten. Dass auch das Phänomen Mouches volantes seinen Platz unter den wahrgenommenen innerlichen Phänomenen hatte, ist sehr wahrscheinlich.
Allerdings hat es auch immer Gesellschaften gegeben, in welchen entoptische Erscheinungen keine kulturelle Bedeutung hatten, zum Beispiel unsere westliche moderne Gesellschaft. Seit dem Siegeszug des Materialismus ist die materielle Welt der ausschliessliche Gegenstand unserer Wahrnehmung und Konzentration. Was darüber hinaus geht, Träume, Halluzinationen, Visionen und entoptische Erscheinungen, hat keinen augenfälligen gesellschaftlichen Nutzen und daher keinen Wert; es gilt als „Störung“ oder Schlimmeres, die medikamentös und psychologisch behandelt werden. Dies erklärt die Geringschätzung der Mouches volantes.
Wir leben in einer Zeit, in welcher die negativen Auswirkungen einer ausschliesslichen Konzentration auf die Materie und der daraus abgeleiteten Ideale augenfällig sind. Die moderne Gesellschaft hat globale wie soziale und individuelle Probleme verursacht, die sie mit ihren eigenen Mitteln der Technik und der Rationalität nicht wieder los wird – nicht solange immer noch dieselben Ideale herrschen. Nicht umsonst richten sich daher viele Menschen individuell neu aus auf geistige und spirituelle Werte. Der Weg über die Augen, wie ihn nicht nur Nestor lehrt, sondern wie ihn auch die Bewusstseinsforscher vergangener und heutiger Gesellschaften vermitteln, ist ein möglicher Zugang, sich buchstäblich auf „Geistigeres“ zu konzentrieren als die Materie. Die als Mouches volantes bezeichneten beweglichen Punkte und Fäden bieten sich dabei besonders als Meditationsobjekt an; denn sie sind auch in unserem alltäglichen Bewusstseinszustand sichtbar und wir können sie jederzeit in unser Blickfeld rücken, mit ihnen spielen, uns darauf konzentrieren und sie festzuhalten versuchen.
Quellen und Literatur:
Richard Bradley: Deaths and Entrances: A Contextual Analysis of Megalithic Art, in: Current Anthropology, Vol. 30, No. 1 (Feb., 1989), S. 68-75
John Creighton: Visions of Power: Imagery and Symbols in Late Iron Age Britain, in: Britannia, Vol. 26, (1995), S. 285-301
Jeremy Dronfield: The Vision Thing: Diagnosis of Endogenous Derivation in Abstract Arts, in: Current Anthropology, Vol. 37, No. 2. (Apr., 1996), S. 373-391
David Lewis-Williams / David Pearce: Inside the Neolithic Mind. Consciousness, Cosmos and the Realm of the Gods, London 2005
J. D. Lewis-Williams / T. A. Dowson: The Signs of All Times, in: Current Anthropology, vol. 29, nr. 2, April 1988
J. D. Lewis-Williams; T. A. Dowson: On Vision and Power in the Neolithic: Evidence From the Decorated Monuments, in: Current Anthropology, Vol. 34, No. 1 (Feb. 1993), S. 55-65
Claudia Müller-Ebeling: Visionäre Kunst, in: Adolf Dittrich, Albert Hofmann u.a. (Hrsg.): Welten des Bewusstseins (Bd. 1: Ein interdisziplinärer Dialog), Berlin 1993
Mark Patton: On Entoptic Images in Context: Art, Monuments, and Society in Neolithic Brittany, in: Current Anthropology, Vol. 31, No. 5 (Dec, 1990), S. 554-558
Floco Tausin: Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins, Bern (Leuchtstruktur Verlag) 2004
Linda Thurston: Entoptic Imagery in People and Their Art, (M.A. Arbeit, 1991), WebEdition 1997, auf: http://home.comcast.net/~markk2000/thurston/thesis.html
http://www.wynja.com/arch/entoptic.html
http://dspace.dial.pipex.com/town/avenue/pd49/pockets/weird/entoptic/entop/entoptic.htm
Floco Tausin
floco.tausin@mouches-volantes.com
Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor studierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte „Mouches Volantes“ über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.
Angaben zum Buch:„Mouches Volantes – Die Leuchtstruktur des Bewusstseins“, Leuchtstruktur Verlag (Bern) 2010, Paperback, 376 Seiten, 24.90 € / 39.80 CHF, Genre: Belletristik/mystische Erzählung.
Bereits den alten Griechen bekannt, von heutigen Augenärzten als harmlose Glaskörpertrübung betrachtet und für viele Betroffene ärgerlich: Mouches volantes, Punkte und Fäden, die in unserem Blickfeld schwimmen und bei hellen Lichtverhältnissen sichtbar werden.
Die Erkenntnis eines im schweizerischen Emmental lebenden Sehers stellt die heutige Ansicht radikal in Frage: Mouches volantes sind erste Teile einer durch unser Bewusstsein gebildeten Leuchtstruktur. Das Eingehen in diese erlaubt dem Seher, über den Tod hinaus bewusst zu bleiben.
Mouches volantes: Glaskörpertrübung oder Bewusstseinsstruktur? Eine mystische Geschichte über die nahe (f)liegendste Sache der Welt.
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