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Lasst unsere Kinder singen!

Wollen wir weniger Wir sein? Autor: Jaan Karl Klasmann am 01. Jul 2009
Was hat der erste Schrei eines Neugeborenen mit dem hohen C des Luciano Pavarotti in dessen bester Zeit gemeinsam? – Heute kennen nur mehr sehr wenige Menschen die richtige Antwort: Im Prinzip alles. Denn wir sind Sänger, lange bevor wir Sprechende sind. Singen ist der natürlichste und direkteste Ausdruck unseres Wesens. Kinder sind die perfektesten Sänger  - und wir sollten von ihnen lernen, statt ihnen den Mund zu verbieten.

Von Kindern können - und sollten - wir singen lernen

Warum singen die Vögel im Wald? Und warum auch nach der Paarungszeit, wenn der Gesang doch keinen Zweck mehr erfüllt? Warum lallen und tönen Babys in der Wiege, auch wenn niemand im Raum ist, um ihnen zuzuhören? – Und, Gegenfrage, warum schämen sich die meisten Erwachsenen, wenn sie beim Singen ertappt werden oder antworten, wenn man sie bittet, mitzusingen mit „Ach, nein, das will ich Euch nicht antun?“

Wenn wir die Antworten darauf verstehen, können wir dazu beitragen, dass die Erwachsenen der Zukunft – die Kinder von heute – einmal anders reagieren können.

Haben wir schon einmal bemerkt, dass Singen eine Sehnsucht der Seele ist?
Im Klang der Stimme ist das Wesen eines Menschen vollständig enthalten. Es offenbart sich darin, WER – nicht WAS einer ist. In seinem Ursprung ist Singen das Feiern unseres eigenen Daseins, und unseres eigenen So-Seins. „Es ist gut, dass wir da sind, und es ist gut, dass wir genauso sind, wie wir sind. Es fühlt sich herrlich an – wooooow!“ Deswegen genießen die Vögel ihren Gesang; deswegen genießen Babys und kleine Kinder den ihren. Doch warum genießen die meisten heutigen Erwachsenen den ihren nicht?

Beginnen wir mit dem Körper, der Wohnstatt unseres Wesens für die Dauer des Erdenlebens:
Kleine Kinder können lange, lange schreien, ohne sich „die Stimme zu ruinieren“; Eltern wissen das. Die meisten Erwachsenen würden nach wenigen Minuten heiser werden. Das bedeutet doch, dass das Neugeborene etwas besser kann, ohne es gelernt zu haben? – Tatsächlich ist das „Wissen“ um die natur-gemäße (schonende, aber, wie Eltern ebenfalls wissen, höchst effektive) Tongebung jedem Körper von Geburt an mitgegeben. Es gehört sozusagen zu dessen „Systemsoftware“.  Ein authentischer emotionaler Impuls („Hilfe! Kalt! Hell! Laut!“) bewegt das Zwerchfell. Alle anderen zur Tongebung erforderlichen Muskeln (Atemhilfsmuskulaturen; der sogenannte „Einhängemechanismus“, der den Kehlkopf fixiert...) werden vom Zwerchfell durch genetisch programmierte Nervenreflexe gesteuert – und ein Minimum an Kraft erzeugt ohne jede Belastung der Stimmbänder eine Maximum an Klangausbeute.

Die optimale Tongebung – die körperliche Grundlage auch Pavarottis berühmter hoher Cs  – geht also prinzipiell, „von selbst“,
und wenn in diesem Sinne „es“ singt, anstatt dass „wir“ singen, müssen wir nichts tun oder leisten – wir ereignen uns. In diesem Sich-Ereignen – indem wir „es“ aus uns singen lassen – können wir dieses WER wir sind unmittelbar erfahren und diese Erfahrung ist unendliche Freude und Liebe. Deshalb gehen Babys in ihrem Lallen oft so gänzlich und so strahlend auf.

Dann jedoch kommt – fast immer, heutzutage – etwas dazwischen:
Das kleine Kind lernt, dass es so, wie es ist, nicht in Ordnung sei. Seine Gefühle werden bestraft, ignoriert oder ausgelacht und daher irgendwo im Körper festgehalten, was immer auch die Atmung und  damit das Singen beeinträchtigt. Schlimmer oft: Kindern wird das Singen verboten: „Nicht so laut!“ „Sei still, wenn Erwachsene reden!“ „Mit Dir muss man sich ja genieren!“ oder – noch schlimmer – durch Demütigungen abgewöhnt: „Du singst hässlich!“ „Du singst falsch!“ „Stell Dich ganz hinten hin und mach nur Lippenbewegungen; Du störst sonst den ganzen Chor.“ Wenn das wirklich stimmen sollte, dann ist das Kind bereits verletzt. Dann braucht es keine weitere Verletzung, sondern unsere Hilfe. Oft liegt ein solches Feedback aber nur daran, die Kraft und Freiheit des kindlichen Ausdrucks nicht in die engen Vorstellungen der innerlich oft selber schwer verwundeten Eltern, KindergärnterInnen, LehrerInnen passt. So „vererben“ sich Verletzungen – doch wir können auch anders:

Lassen wir unsere Kinder singen!
Lassen wir sie dichten und komponieren; bringen wir ihnen unsere Kinderlieder bei – und hören wir ihnen zu. Lassen wir alles Bewerten bleiben und öffnen wir uns: Lauschen wir auf den Klang ihres Wesens und lassen wir uns von ihnen dazu verführen, mitzusingen. Lauschen wir nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper – denn der Klang einer gesunden Menschenstimme erinnert andere Menschenkörper an ihr Wissen vom Singen. Statt unsere „Kids“ zu beschämen, lassen wir uns ein auf unsere eigenen Gefühle von Scham, Demütigung und Abgewertetsein – und singen wir trotzdem weiter, solange, bis die Dunkelheit sich löst und das Licht am Ende des Tunnels auftaucht.

Singen ist ein Akt der Selbst-Liebe. Von unseren Kindern können wir ihn (wieder) lernen.

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