Zu den besonders gefährlichen rheumatischen Krankheiten zählt die rheumatoide Arthritis (früher chronische Polyarthritis), eine Gelenksentzündung, die oft schon nach kurzer Zeit zu einer Gelenkszerstörung mit Dauerschmerzen und Funktionsverlust führen kann. Neue Therapiemöglichkeiten lassen jedoch auch diese schwere Erkrankung wirkungsvoll bekämpfen. © Bild: Uta Herbert / PIXELIO |
Neue Therapien bei rheumatoider Arthritis
Eine „Basistherapie“ sollte die Grundlage jeder Behandlung sein. Darunter versteht man den Einsatz von Medikamenten, die das überaktive Immunsystem drosseln und damit die Entzündung bremsen. Konventionelle Basismittel wie Methotrexat, Sulfasalazin, Hydroxychloroquin oder Leflunomid bewähren sich seit vielen Jahren.
Die neue Generation der Basismittel, die Biologika, blockieren gezielt bestimmte Zellen und entzündliche Botenstoffe und sind damit noch effektiver. Sie haben die Rheumatherapie in den letzten Jahren grundlegend revolutioniert und führen oft zu einem völligen Stillstand der Gelenkszerstörung. Diese Medikamente werden entweder vom Patienten selbst subcutan, also unter die Haut, gespritzt oder als Infusion verabreicht. Folgende Wirkstoffe werden derzeit verwendet:
TNF-Blocker: Sie blockieren den Botenstoff TNF-? (Tumor Nekrose Faktor alpha):
- Adalimumab (Humira®), der erste vollständig humane monoklonale Antikörper, der den Botenstoff TNF-Alpha bindet und damit inaktiviert. Er wird alle zwei Wochen subcutan (40mg) injiziert, wobei neben der Fertigspritze auch ein Pen zur Verfügung steht.
- Infliximab (Remicade®), ein chimerer monoklonaler Antikörper gegen TNF. Nach einer Aufsättigungsphase von drei Infusionen (Woche 0, 2 und 6) erhält der Patient eine Infusion dieses Antikörpers alle sechs bis acht Wochen (3mg/kg KG).
- Golimumab (Simponi®), ein weiterer neuer Anti-TNF-Antikörper, der sowohl subcutan als auch intravenös (laufende Studien) verabreicht werden kann, zeigte in mehreren Phase-III-Studien gute Ergebnisse bei Patienten mit aktiver RA, auch bei MTX- und TNF-Alpha-Non-Respondern. Golimumab steht seit 1.10.2009 als Fertigspritze (50mg) oder als vorgefüllter Injektor zur Verfügung und wird einmal im Monat subcutan injiziert.
- Certolizumab-Pegol (Cimzia®), ein weiterer monoklonaler Antikörper gegen TNF-Alpha, ist seit 5.10.2009 in Österreich zur Behandlung einer mittelschweren bis schweren RA zugelassen. Certolizumab wurde pegyliert, das heißt mit einer chemischen Substanz beschichtet, wodurch das Arzneimittel langsamer vom Körper abgebaut wird und damit seltener verabreicht werden muß. Die Anfangsdosis liegt bei 400mg subcutan als Fertigspritze in Woche 0, 2 und 4. Danach gibt man eine Erhaltungsdosis von 200mg alle 2 Wochen.
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Etanercept (Enbrel®), ein rekombinantes TNF-Alpha-Rezeptor-Fusionsprotein. Die Substanz wird ein- bis zweimal wöchentlich (je nachdem ob 25 oder 50mg) subcutan injiziert und ist seit kurzem auch als Pen verfügbar.
Medikamente gegen andere Botenstoffe des Immunsystems (Interleukin 1 und 6):
- Anakinra (Kineret®), ein Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist, der täglich subcutan mit einem Applikator injiziert wird. Die Erfolgsrate ist niedriger als bei den TNF-Blockern. Aufgrund seiner guten Verträglichkeit wird Anakinra aber in der Kinderrheumatologie häufiger verwendet. Auch bei der adulten Form eines Morbus Still hat sich Anakinra bewährt.
- Tocilizumab (Ro-Actemra®), ein monoklonaler IL-6-Rezeptor-Antikörper, ist seit März 2009 in Österreich zugelassen sowohl als Monotherapie als auch als Kombinationstherapie mit einem DMARD. Die jüngst veröffentlichten Daten über einen Beobachtungszeitraum von 2,5 Jahren zeigen ansteigende DAS28- Remissionsraten und eine signifikante Hemmung der radiologischen Progression der RA. Seit 1.10. 2009 werden die Therapiekosten bei entsprechender Indikation auch von den Krankenkassen übernommen.
Medikamente gegen die Zellen des Immunsystems (B- und T-Zellen):
- Abatacept (Orencia®), ein Fusionsprotein, welches die Ko-Stimulation zwischen den Antigen-präsentierenden Zellen und den T-Zellen blockiert. Die T-Zellen spielen eine zentrale Rolle in der Immunantwort, die die entzündliche Kaskade des Immunsystems in Gang setzen (Stimulierung von B-Zellen, Makrophagen, Neutrophilen…). Abatacept ist seit Juni 2007 zur Therapie der rheumatoiden Arthritis zugelassen für jene Patienten, die auf herkömmliche DMARDs wie Methotrexat und zumindest ein Anti-TNF-Biological nicht ausreichend angesprochen haben. Abatacept wird monatlich als Infusion mit einer 30 minütigen Infusionsdauer (10mg/kg KG) nach einer Aufsättigungsphase von den ersten drei Infusionen in einem Abstand von zwei Wochen verabreicht.
- Rituximab (Mab Thera®), ein monoklonaler Anti-CD20-Antikörper, der selektiv auf jene Untergruppe der B-Zellen wirkt, welche das für die Entzündung maßgebliche Protein CD20 exprimieren, während Stammzellen, Plasmazellen und Pro-B-Zellen nicht beeinflußt werden. Rituximab wird als Zyklus von zwei Infusionen zu je 1000mg im Abstand von zwei Wochen verabreicht. Je nach Ansprechen und Krankheitsverlauf wird dieser Zyklus nach Bedarf wiederholt. Rituximab ist in Österreich seit Juli 2006 offiziell zur Therapie der rheumatoiden Arthritis in Kombination mit Methotrexat (≥15mg) für jene Patienten zugelassen, die auf konventionelle DMARDs und eine Anti-TNF-Therapie ungenügend angesprochen haben.
Schmerztherapie
Antirheumatika wirken entzündungshemmend und schmerzstillend und sind neben einer Basistherapie ein wesentlicher Bestandteil jeder Behandlung. Da bei Langzeitgabe von herkömmlichen NSAR oft Nebenwirkungen am Magen-Darm-Trakt auftreten, wird die gleichzeitige Einnahme von Magenschutzmitteln empfohlen. Bei Hochrisikopatienten mit Magengeschwüren oder bei Einnahme von blutverdünnenden Substanzen werden die magenfreundlichen COX-2-Hemmer eingesetzt.Neben der oralen Einnahme von Antirheumatika zur zeitweiligen Schmerzbekämpfung hat sich gerade bei akuten Schüben die Gabe von antirheumatischen Infusionen mit hochdosiertem Vitamin-B-Komplex zur raschen Unterdrückung der Beschwerden besonders bewährt. Im akuten Stadium kommt teilweise auch Kortison in kleinen Mengen zum Einsatz. Die lokale Verabreichung von geringen Dosen direkt in die entzündeten Gelenke ist dabei besonders wirksam.
Knorpelaufbau
Da durch die Gelenksentzündung der Gelenksknorpel zunehmend zerstört wird, treten schon nach wenigen Jahren Abnützungen der Gelenke auf. Diese Arthrosen sollten frühzeitig mit Knorpelschutzpräparaten behandelt werden. In große Gelenke wie Knie, Hüfte, Schulter und Sprunggelenke wird Hyaluronsäure direkt in das Gelenk gespritzt. Für die kleinen Fingergelenke haben sich Chondroitinsulfat, Glucosaminsulfat und der IL-1 Inhibitor Diacerein als orale Medikamente bewährt. Die Verbindung von Entzündungshemmung und Knorpelaufbau führt in vielen Fällen zu einer deutlichen Funktionsverbesserung der Gelenke mit erheblich verminderten Beschwerden.
Gesamttherapie
Wenn Gelenksentzündungen schon jahrelang bestehen und die Gelenke angegriffen sind, kommt man mit Medikamenten alleine oft nicht aus. Die Kombination mit physikalischen Therapien und der Alternativmedizin kann hier die Lebensqualität erheblich steigern.Damit sei auf die große Wichtigkeit physikalischer Therapiemaßnahmen hingewiesen. Neben der Kälteapplikation bei akuten Entzündungen führt milde Wärmeapplikation in Form einer Elektro-, Licht- oder Balneotherapie bei chronischen Beschwerden zu einer wesentlichen Verbesserung der Gelenksfunktion. Eine gezielte Heilgymnastik zur Verhinderung von Muskelschwund ist in den meisten Fällen unerlässlich.Die Ernährung sollte prinzipiell auf reichlich frisches Obst und Gemüse umgestellt werden. Für einige in Obst und Pflanzenölen vorkommende Vitamine (Vitamin A, C und E) sind entzündungshemmende Eigenschaften bewiesen worden. Alternativ kann der Einsatz von Vitaminpräparaten überlegt werden. Für Vitamin E wird nach Auswertung diverser Studienergebnisse die tägliche Gabe von 1000-1200mg, allerdings zeitlich begrenzt auf drei Monate, empfohlen.Übergewicht belastet vor allem die Gelenke der unteren Extremitäten und muss damit reduziert werden. Eine Einschränkung des Fleisch- und Fettverzehrs wird von vielen Patienten subjektiv als hilfreich angegeben.Neben der schon erwähnten Heilgymnastik sollte man stets auf das regelmäßige Durchbewegen der Gelenke achten, diese aber nicht überlasten. So ist Schwimmen eine hervorragende Sportart, bei der schonend alle Gelenke des Körpers ohne wesentliche Belastung beansprucht werden.
Alternative Heilmethoden
Alternativ-medizinische Heilverfahren wie Homöopathie, Akupunktur, Akupressur, Magnetfeldtherapie, Chiropraktik und Neuraltherapie haben sich in den letzten Jahren zunehmend etabliert und zeigen oft erstaunlich gute Ergebnisse.Alternativ- und Schulmedizin sind als zwei wichtige Therapiewege zu sehen, die sich oft optimal ergänzen.Jeder Rheumapatient ist anders und braucht eine individuell angepasste Behandlung. Dank der hervorragenden Therapien ist Hilfe in jedem Stadium der Erkrankung möglich. In vielen Fällen kann die Polyarthritis gestoppt werden. Ein enges Zusammenarbeiten von Arzt und Patient trägt wesentlich zur Heilung bei.
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