Zu den besonders gefährlichen rheumatischen Krankheiten zählt die rheumatoide Arthritis (früher chronische Polyarthritis), eine Gelenksentzündung, die oft schon nach kurzer Zeit zu einer Gelenkszerstörung mit Dauerschmerzen und Funktionsverlust führen kann. Neue Therapiemöglichkeiten lassen jedoch auch diese schwere Erkrankung wirkungsvoll bekämpfen. © Bild: Uta Herbert / PIXELIO |
Rheuma ist keine einzelne Krankheit sondern ein Sammelbegriff für mehr als 400 verschiedene Erkrankungen unseres Bewegungsapparates. Sie alle verursachen Schmerzen an unseren Gelenken, Muskeln, Knochen, Sehnen und der Wirbelsäule.
Fast jeder wird im Laufe seines Lebens mit rheumatischen Beschwerden konfrontiert. Bei rund zwei Millionen Österreichern entwickelt sich daraus aber eine chronische Erkrankung.
Zu den besonders gefährlichen rheumatischen Krankheiten zählt die chronische Polyarthritis, eine Gelenksentzündung, die oft schon nach kurzer Zeit zu einer Gelenkszerstörung mit Dauerschmerzen und Funktionsverlust führen kann. Neue Therapiemöglichkeiten lassen jedoch auch diese schwere Erkrankung wirkungsvoll bekämpfen.
Unser Immunsystem ist krank
Die chronische Polyarthritis, heute international rheumatoide Arthritis genannt, ist eine chronische Gelenksentzündung, die sehr schnell den Gelenksknorpel angreift und damit die Gelenke zerstört.
Ursache der Polyarthritis ist eine Störung unseres Immunsystems, welches außer Kontrolle gerät, überaktiv ist und sich gegen unseren eigenen Körper richtet. Über eine Aktivierung diverser Zellen und Botenstoffe des Immunsystems kommt es zu einer entzündlichen Reaktion, wobei neben Gelenken und Muskeln auch innere Organe wie Niere, Lunge, Herz oder Leber betroffen sein können. Dadurch entstehen Schmerzen, Schwellungen aber auch Allgemeinsymptome wie Fieber, Schwitzen und starkes Krankheitsgefühl.
Biologische Medikamente
Durch die bessere Erforschung unseres Immunsystems ist es gelungen Medikamente gegen überaktive Zellen und die Entzündung auslösenden Botenstoffe zu entwickeln. In den letzten Jahren stand dabei ein Botenstoff im Mittelpunkt des Interesses: Tumor Nekrose Faktor-Alpha (TNF-Alpha). Jetzt können auch mit zwei neuen Medikamenten die aggressiven Zellen des Immunsystems (B- und T-Zellen) direkt beeinflusst werden.
Ebenso sind andere Botenstoffe unseres Immunsystems wie Interleukin 6 oder 12 neue Ziele für die Rheumatherapie.
Alle diese neuen Präparate werden unter dem Begriff „Biologika“ zusammengefasst. Sie funktionieren wie bestimmte Zellen der körpereigenen Abwehr, die Antikörper. Antikörper sind Abwehrstoffe unseres Organismus und vernichten für den Körper schädliche Elemente. Bei der Polyarthritis werden durch Verabreichung der neuen Substanzen die überaktiven Zellen und Botenstoffe des Immunsystems deaktiviert.
Biologika wirken nicht nur auf die Symptome der chronischen Polyarthritis, sondern beeinflussen vor allem den Verlauf der Krankheit mit der Möglichkeit eines kompletten Stopps. Wie bei vielen anderen Krankheiten in der Medizin gilt auch hier: je früher diese Medikamente eingesetzt werden, desto besser wirken sie.
Früherkennung entscheidend !
Prinzipiell kann die chronische Polyarthritis in jedem Lebensalter auftreten, wobei ein Häufigkeitsgipfel zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr zu beobachten ist. Frauen erkranken dreimal so häufig wie Männer. Auch vor Kindern schreckt diese Krankheit nicht zurück.
Betroffen sind in erster Linie die kleinen Finger- und Zehengelenke, Hand- und Sprunggelenke, wobei häufig ein symmetrisches Muster an beiden Armen und Beinen auftritt.
Folgende Anzeichen sollten jeden Menschen sofort zum Arzt führen:
- Frühmorgendlicher Gelenksschmerz (Morgensteifigkeit): In der Früh sind die Gelenke steif, unbeweglich und schmerzen. Dies kann oft Stunden andauern.
- Kraftlosigkeit der Hände: Dosen und Gläser können nicht mehr geöffnet werden. Vielen Patienten fallen Gegenstände einfach aus der Hand.
- „Begrüßungsschmerz“: Ein kräftiger Händedruck verursacht fast immer starke Schmerzen.
- Bewegungseinschränkung: man kann keine Faust mehr machen noch die Finger ganz ausstrecken. Aber auch betroffene große Gelenke wie Knie, Sprunggelenk und Schulter sind im Bewegungsumfang deutlich eingeschränkt.
- Gelenksschwellung: Typisch ist eine entzündliche Schwellung vor allem der Finger- und Hand- sowie der Zehengrundgelenke. Die Gelenke sind dabei spindelförmig aufgetrieben, druckschmerzhaft, sie hitzen und sind leicht gerötet.
In einigen Fällen beginnt die Krankheit so dramatisch, dass nicht nur einzelne Gelenke sondern oft die ganze Hand verschwollen ist. Auch die großen Gelenke können deutlich geschwollen und heiß sein.
Allgemeinsymptome: Krankheitsgefühl, rasche körperliche und geistige Ermüdbarkeit, Appetitlosigkeit bzw. Gewichtsabnahme. Schweißige Handflächen gehen oft Gelenksschwellungen und Schmerzen voraus. Auch diffuse Muskel- und Sehnenschmerzen müssen an eine chronische Polyarthritis denken lassen.
Besonders dramatisch zu werten ist der Umstand, dass die Polyarthritis nicht nur Gelenke, sondern auch innere Organe wie Herz, Niere und Lunge schädigen kann. Schwere Verläufe der Erkrankung sind in vielen Fällen mit einer herabgesetzten Lebenserwartung verbunden.
Da gerade in den ersten zwei Jahren der Erkrankung die größten Dauerschäden entstehen, kommt der rechtzeitigen Diagnose und Behandlung die größte Bedeutung zu. Experten sprechen von einem „therapeutischen Fenster“ innerhalb der ersten drei Monate nach Krankheitsbeginn. Wird hier behandelt, kommt es oft zu einer völligen Normalisierung des gestörten Immunsystems, und die Erkrankung heilt aus.
Natürlich ist auch eine Behandlung zu jedem späteren Zeitpunkt sinnvoll, um die Gelenksentzündungen zu stoppen.
Wer also drei bis vier Wochen an den genannten Symptomen leidet, sollte unverzüglich einen Spezialisten aufsuchen.
Diagnose
Neben der klinischen Untersuchung führen Laborbefund und bildgebende Methoden zur Diagnose. Die Blutsenkung, C-reaktives Protein, diverse Eiweiße, Rheumafaktoren und Anti-CCP-Antikörper sind meist deutlich erhöht. Auch bildgebende Verfahren sind maßgeblich für die richtige Diagnose. Wurden bislang vor allem konventionelle Röntgenaufnahmen der Gelenke benutzt, gewinnen Ultraschall(US) und Magnetresonanztomographie(MRT) zunehmend an Bedeutung. Mit diesen Methoden können schon sehr frühe Veränderungen erkannt werden.
Über die Therapie dieser oft dramatisch verlaufenden Krankheit lesen Sie im Teil 4 unserer Rheumaserie!
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