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HILFE! MEIN/E ........ IST DEMENT

das Alter nehmen, wie es kommt  Foto: 430108_R_K_B_by_Joujou_pixelio Autor: Rotraud Söllinger-Letzbor am 22. Nov 2009
Ich danke meiner Mama, dass sie mir vorlebt, wie man trotz Abgeschottetsein vom "normalen Leben" Freude am Dasein haben kann. Ich danke dem Schicksal, dass ich diese Erfahrungen machen kann. Meine Angst vor dem Alter ist geschwunden.

© Bild: Joujou / PIXELIO


Ich besuche meine Mutter (95) im Altersheim.

M.: Grüß dich Schatzi! Schade, dass du nicht früher gekommen bist. Grad war meine Mutter da!

Ich: Das tut mir aber leid! Ich hätte sie gerne getroffen! Woher ist sie denn gekommen?

M.: Daher! (Zeigt auf die Wand neben ihrem Bett) Und dort ist sie hingegangen! Richtung Balkon). Aber sie hat den Korb dagelassen.
Ich finde den Korb nicht, wir wundern uns darüber. Dann führen wir ein ganz „normales Gespräch“ über meine Familie. Mama ist genau im Bild über die momentane Sachlage.

Erste und wichtigste Regel: Ich steige in die jeweilige Realität meiner Mutter ein! Ich sage nie, dass das nicht stimmen kann, weil… Sie hat es erlebt, also stimmt es! Auf diese Weise habe ich viel über das Leben meiner Mutter erfahren. Ereignisse steigen aus ihrem Gedächtnis auf und werden nachgespielt. Mir fallen dabei die unterschiedlichsten Rollen zu. Ich bin z.B. ein gleichaltriges Kind:

M.: Weißt du noch, wie wir damals die Taler-Kinder getroffen haben, bevor sie im See ertrunken sind?

Ich: Ich kann mich nicht erinnern!
Es entspinnt sich ein dramatisches Ereignis aus ihrer frühen Kindheit, in das ich eingebunden bin. Wie selbstverständlich! Obwohl ihr gleichzeitig bewusst ist, dass ich ihre Tochter bin.

Zweite Regel: Ich lasse mich auf verschiedene Zeitebenen ein und spiele die Rolle, die sie mir zuteilt!

Ich: Wie geht es dir heute?

M.: Gut! Ich bin sehr stolz auf mich! Ich war gerade auf dem Salzberg.

Ich: Alleine?

M.: Nein, mit dem Sepp! (Ihr Bruder, 1939 gefallen)
Es folgt eine detaillierte Beschreibung des Ausflugs.

Dritte Regel: Wir sind immer an dem Ort, an dem sie sich gerade befindet!

Ich: Hallo Muzikatzi! (Kosename) Fahren wir heute in den Park?

M.: Wenn ich fertig gerechnet habe.

Ich: Was rechnest du denn?

M.: Die 7-er Reihe. Die steckt dort im Vorhang! (zeigt auf die Vorhangfalten)

Ich: Aha! Und wie geht’s dir dabei?

M.: Gut! Prüf mich!
Sie kann sie, vor und zurück und durcheinander. Auch die IN-Rechnungen: 7 in 43= 6mal, Rest 1

M.: Schade, dass ich so schlecht sehe. Ich möchte gerne dividieren, ich glaube, ich kann’s noch!

Ich: Sicher! Weißt du was? Ich schreibe mit dem dicken Filzstift groß auf diesem Zettel. Das siehst du noch! Du rechnest und ich bin deine Sekretärin, Frau Generaldirektor. Sie lacht und rechnet 3 Divisionen fehlerfrei.

Vierte Regel:
Ich nehme jede Anregung für geistige Betätigung auf! Wir rezitieren Gedichte und Balladen, die sie z.T. noch auswendig kann. Wir erzählen Märchen. Ich fange an, sie setzt fort. Wenn sie stockt, erzähle ich weiter. Die Teddybären und Plüschtiere sind die Zuhörer.

M.: "Wenn nächstes Mal die Kleine (meine Enkelin) kommt, werde ich ihr das Märchen erzählen. "
Sie schreibt mit dem Finger auf der Abstellplatte ihres Pflegebettes. Ich errate, welches Wort sie schreibt. Oder ich führe ihren Zeigefinger über die Platte und sie errät das Wort. Das Führen des Stiftes geht nicht mehr. Vor zwei Jahren war dies noch möglich. Da hatte sie sogar eine Phase, in der sie in Englisch Geschichten schrieb. Mit 90 hat sie begonnen mit mir italienisch zu lernen. Auch der behandelnde Arzt war in das Italienisch- Programm eingebunden. Er prüfte sie ab und schrieb neue Wendungen ins Italienisch- Heft. Ich binde nach Möglichkeit andere Kontaktpersonen in unser Programm ein! Wir beten und singen miteinander. Wir sprechen über das Leben nach dem Leben. Denn sie schaut immer wieder hinüber und trifft sich mit längst Verstorbenen. „Aber das muss unser Geheimnis bleiben. Die anderen würden sonst denken, ich spinne!“ Vor kurzem hat sie mit einer ehemaligen „Erzfeindin“ Frieden geschlossen. „Wir haben zusammen Kaffee getrunken. Und als ich sie verlassen habe, hat sie mir nachgewunken. Es ist gut, dass wir nicht mehr böse aufeinander sind.“ Ich ermutige sie, ihre ganz persönliche Religiosität zu leben!
Der geistige Einbruch erfolgte nach einer Gallenblasenoperation und einer 2 Tage später durchgeführten, unnötigen Magenspiegelung. Zwei Narkosen hintereinander! Das war zu viel! Sie erlitt dann einige Lungeninfarkte. Man gab ihr kaum noch Überlebenschancen. Sie dämmerte wochenlang dahin! Aber, als dann meine 7jähr. Enkelin zusammen mit meinem Sohn am Hl. Abend „Vom Himmel hoch, da komm ich her!“ auf der Geige spielte, öffnete sie die Augen und sagte: „Ich sterbe noch nicht! Ich kann euch doch nicht alleine lassen!“

Fünfte Regel: Starke Liebesreize wirken Wunder! Es kamen noch schlimme Tage, in denen sie sich an mich klammerte und rief: „Hilf mir Rotraud, ich verblöde!“ Als sie ins Altenheim zurückkehren konnte, war ihr geistiger Stand der eines dreijährigen Kindes. Sie sprach auch mit einer Kinderstimme und nannte mich Mama. Auch damals stieg ich auf ihre Realität ein. Wir sangen Kinderlieder und spielten Fingerspiele. Nach und nach fand sie wieder in ihre Urgroßmutterrolle zurück. Und heute? Als ich neulich krank war, sie daher mehrere Tage nicht besuchen konnte, fragte ich sie:

Ich: War dir sehr langweilig?

M.: Mir ist nie langweilig!

Ich: Was machst du denn den ganzen Tag, wenn du so im Bett liegst. Du kannst nicht mehr lesen, fernsehen, Radio hören?

M.: Ich schaue Löcher in die Luft!

Ich: Das ist nicht gerade abwechslungsreich!

M.: Doch! Aus den Löchern steigen die Geschichten!

Ich danke meiner Mama, dass sie mir vorlebt, wie man trotz Abgeschottetsein vom „normalen Leben“ Freude am Dasein haben kann. Ich danke dem Schicksal, dass ich diese Erfahrungen machen kann. Meine Angst vor dem Alter ist geschwunden. Ich empfinde die Altersdemenz nicht mehr als etwas Trauriges, Fürchtenswertes, sonders als Gnade: Die Realitäten verschieben sich. Und es kommen Dimensionen dazu, die wir, die wir noch an Raum und Zeit gebunden sind, höchstens erahnen können, wenn… Ja wenn wir uns auf die Bewusstseinsebenen der Dementen einlassen und ihnen unsere Liebe schenken. Ich danke dem einfühlsamen Pflegepersonal im Altenheim Dornach in Linz.

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