Autor: Dipl.-Päd. Michael Karjalainen-Dräger am 02. Dez 2009 Was will mein Kind? Eine berechtigte Frage für Eltern, die sich an den Bedürfnissen Ihrer Kinder orientieren und das Beste für den Nachwuchs wollen. Dabei kommt es leicht zur Überforderung auf beiden Seiten. Denn nicht jedes kindliche Bedürfnis ist ein Entwicklungsbedürfnis, das der Aufmerksamkeit der Eltern bedarf.
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Julian und sein Zeichentisch
Julian (4) erklimmt voller Freude seinen Zeichentisch. Oben angekommen ruft er voller Freude: "Hallo" und stampft mit den Füßen auf die Tischplatte. Die herbeigeeilten Eltern können nun verschieden reagieren - und werden es. Für die einen ist es eine tolle Leistung Ihres Sohnes, sie werden sich mit ihm freuen und ihn loben oder beklatschen; andere wiederum werden wenig Freude haben, dass er mit den Füßen auf der Tischplatte steht, sei es aus Sorge vor einem Unfall oder aus Ärger, dass der Tisch so behandelt wird.
Was steckt dahinter?
Nun alle Reaktionen haben etwas für sich - und dennoch fragt sich wohl kein Elternteil bewusst nach dem Bedürfnis des Kindes, das hinter dieser Aktion steckt. Und auch da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten, etwa den Körper erfahren wollen, etwas Neues ausprobieren wollen oder im Mittelpunkt stehen wollen.
Wie richtig reagieren zum Wohle des Kindes?
Da es aus meiner Sicht auf eine Erziehungsfrage nie eine Patentantwort, sondern immer nur eine sehr individuelle gibt, lässt sich auch hier nur Grundsätzliches, aber doch Wesentliches sagen:
Runter vom Tisch, raus in den Wald!
Wenn der Sohnemann mit seinem "Auf-dem-Tisch-Stehen" seinen Körper erfahren möchte, dann ist das ein seinem Alter entsprechendes Entwicklungsbedürfnis, Grenzen erfahren, etwas Neues erleben, dem es gilt, Rechnung zu tragen. Bloß, der Zeichentisch ist nicht das adäquate Instrument dafür. Dem Bedürfnis entsprechend braucht er Erfahrungsräume im Freien, am Spielplatz oder noch besser in der Natur, der Wiese, dem Wald. Ihm das zu ermöglichen ist ein wirkliches Eingehen auf die aktuellen tiefliegenden Bedürfnisses des Buben. Zum zweiten ist es wichtig, ihm auch vor Augen zu führen, dass der Tisch ja als Tisch und in seinem Fall als Zeichentisch definiert ist und nicht als Kletterspielzeug. Also runter vom Tisch, raus in den Wald!
Runter vom Tisch in meine Arme!
Wenn Julian damit auf sich aufmerksam machen will (eine besondere Situation herstelle, mit den Füßen stampfen und lärmen, Hallo rufen), dann gilt ähnliches wie im vorigen Fall. Bloß geht es dann nicht um die Zeit draußen sondern um eine verstärkte Aufmerksamkeit für das Kind selbst. Am besten lässt sich das Bedürfnis nach Anerkennung in diesem Moment durch Körperkontakt befriedigen, wie etwa durch ein "In-den-Arm-Nehmen". Nachher gilt es die Sache mit dem Zeichentisch zu klären und dann in einer elterlichen Reflexion auf die Notwendigkeit von Anerkennung und Zuwendung bei der Entwicklung des KIndes zu achten. Dabei kommt es nicht auf die Quantität der Zeit an sondern auf deren Qualität. Dazu ein anderes Mal mehr.
Entwicklungsbedürfnis - was ist das?
Wie im obigen Beispiel zu beschreiben versucht, gibt es eine Differenzierung zwischen Bedürfnissen, die Kinder eines bestimmten Alters haben, um sich weiter zu entwickeln, und solchen, die einem augenblicklichen Wunsch entsprechen. Bei Julian war beides kombiniert: das Bedürfnis nach körperlicher Weiterentwicklung und den im Augenblick eingeschränkten Möglichkeiten. Dennoch steckt hinter diesem nach außen augenblicklichen Wunsch nach "Auf-dem-Tisch-Tanzen" ein wichtiges Entwicklungsbedürfnis, dem Eltern ihre Aufmerksamkeit widmen und auf das sie eingehen sollten.
Welche Wünsche meines Kindes soll ich erfüllen?
Viele Wünsche unserer Kinder wirken spontan, unüberlegt und inadäquat - aus unserer erwachsenen Sicht. Dennoch steckt hinter den meisten, bei genauerer Betrachtung, tiefsitzende und wirklich wichtige Zeichen für die Weiterentwicklung. Diese herauszufinden ist eine intuitive Angelegenheit. Und Intuition ist eine Gabe, die jeder Mensch in sich hat, es gilt sie wieder zu entdecken. In meiner Arbeit mit den Eltern haben sich dadurch in wenigen Gesprächen bahnbrechende Veränderungen ergeben, die wirklich dem Kindeswohl dienen und die Situation entlasten. Am Ende ist dann ganz klar, welchen Bedürfnissen meines Kindes ich nachgehen und sie erfüllen soll, und welche ich - ohne dem Kind Schaden zuzufügen - auch ablehnen kann. Von diesem "Authentisch-Werden" ihrer Eltern profitieren Kinder am meisten, es fällt ihnen schließlich nicht mehr schwer, selbst authentisch zu sein und zu den wesentlichen Wünschen zu stehen, das Unwesentlich aber im Lauf der Zeit weg zu lassen.
Aus all dem entsteht ein umfassendes Selbst-Bewusstsein in beiderlei Hinsicht: zu wissen, wer ich bin und was mich ausmacht und damit auch nach außen selbstbewusst aufzutreten und zu wirken.
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