Autor: Jaan Karl Klasmann am 21. Dez 2011 Weihnachtslieder gehören zu den Festtagen genauso wie Tannenduft und Kerzenglanz. Sie "ziehen die Engel an" - doch viele Menschen glauben heute, sie könnten nicht oder nur falsch oder hässlich singen. Das ist ein Irrtum: Auch Sie können - heuer noch - schön und berührend unter`m Christbaum singen © Bild: PIXELIO |
„Oh, Du fröhliche...“, „Vom Himmel hoch“, „Oh Tannenbaum“ und natürlich „Stille Nacht“ – was wäre Weihnachten (die Weih-Nacht!) ohne Weihnachtslieder. Zu keiner anderen Jahreszeit ist die Sehnsucht, zu singen so groß – und zu keiner anderen Zeit ist es so schmerzlich, wenn eine oder einer scheinbar nicht, oder nur falsch oder „hässlich“ singen kann. Die perfekteste CD kann das eigene Singen nicht ersetzen, kann die Stimmung nicht ersetzen, die entsteht, wenn die heiligsten Lieder, die unser Kulturkreis hervorgebracht hat, in unserem ganzen Körper schwingen und wir zu ihrem Instrument werden.
Weihnachtslieder sind "kodiert"
Wenn ich hier von Weihnachtsliedern spreche, so meine ich sie so, wie sie gemeint sind – nicht die zu Tode geleierten Kaufhaus-Jingles, die vielen zur Belästigung geworden sind und längst zum Hals heraus hängen: Die wahren, oft über Jahrhunderte tradierten Lieder tragen eine ganz spezielle Information in sich, nämlich die der Engelssphären. In den Rauhnächten zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Jänner schläft die Natur. Hellsichtige sagen, dass die „Elementarwesen“, jene „Bewusstseinsenergien“, welche die Vorgänge in der Natur „steuern“, zu dieser Zeit „auf Urlaub“ sind und die Engelwesen – die nächst höhere „Schicht“ von feinstofflichen Wesenheiten, gewissermaßen nachrücken und für uns leichter erlebbar werden.
Ein Weg zum Engel in uns
Um die heilsame, erhebende Wirkung von Weihnachtsliedern erfahren und genießen zu können ist es jedoch nicht nötig, an Wesen aus „anderen Welten“ zu glauben: Das Reine, Hehre, Engelhafte ist ein Teil unseres eigenen Inneren, der unter unserem Alltagtrubel über das Jahr meist gründlich verschüttet wird. Wenn wir dem Kommerz- und Kaufzwang ein wenig widerstehen, können wir es gerade in der von Natur aus stillen, dunklen Weihnachtszeit am leichtesten wiederentdecken – und Weihnachtslieder sind sozusagen die Klang-Gefährte, die uns dorthin führen, wo es trotz äußerer Kälte warm und licht ist. Wir berühren damit eine Ebene, von der aus wir unser Leben überdenken, Abweichungen von dem, was wir eigentlich leben und in die Welt bringen wollen, erkennen und uns neu auf die innerste Absicht unseres Hier-Seins ausrichten können.
"Ich kann nicht singen"...
So viel Schönes, Tiefes, Helles liegt also in Weihnachtsliedern. Aber dazwischen stehen allzu oft Sätze wie: … „Ich kann nicht singen.“ „Ich singe falsch.“ „Das will ich Euch nicht antun.“ Die Angst vor dem Sich-Blamieren, vor Demütigung und Versagen also. Und Menschen, die vom "Falschen" ihres Singens überzeugt sind, beweisen sich ihre Glaubenssätze scheinbar auch. Jedoch nur scheinbar. Denn es sind Glaubenssätze – keine Tatsachen.
...ist ein Irrtum. Wir können es alle...
Die Wahrheit lautet: Jeder Mensch kann singen – schön, richtig und berührend. Er muss sich dabei nur selbst aus dem Weg gehen. Singen ist jedem von uns in die Wiege gelegt, und unser Phonations- (Tongebungs-)mechanismus funktioniert bereits mit dem allerersten Schrei perfekt, lange bevor wir in der Lage sind, zu artikulieren und zu sprechen. Ein Baby oder kleines Kind kann stundenlang schreien oder lallen – es wird (fast) nie heiser werden. Die Stimme eines kleinen Kindes enthält die höchste Anzahl mitschwingender Obertöne, deren wir fähig sind. Deshalb „trägt“ sie so weit. Als kleine Kinder müssen wir schon einmal alles richtig gemacht haben – ohne je eine Gesangsstunde genommen zu haben. Woher konnten wir dies aber?
...wenn wir uns nicht im Weg stehen
Das Geheimnis besteht darin, dass die richtige, freie, fließende Tongebung (das Ideal auch des virtuosen Kunstgesangs) ein Teil unseres Körperwissens ist. Solange wir unseren Atem beim Singen und Sprechen frei fließen lassen, gehen von unserem Zwerchfell feine Nervenimpulse aus, die 70 bis 80 weitere Muskeln (die Atemhilfsmuskulatur und den sogenannten „Einhängemechanismus“) so steuern und koordinieren, dass wir ohne jeden Druck auf die Stimmbänder mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand eine maximale Ausbeute an Klang erreichen. Von Geburt an sind wir also alle perfekte Sängerinnen und Sänger, und die Fähigkeit dazu können wir zwar verschütten – doch verlieren können wir sie nie, und der Rückweg ist immer möglich.
Wie verschütten wir aber unser Singen? Wir tun es, indem wir den Atem zurückhalten, sodass das Zwerchfell seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann.
Warum wir uns (ver)hindern
Und warum halten wir den Atem zurück? Weil wir gelernt haben, dass wir uns verstellen müssen, wenn wir geliebt, angenommen und respektiert werden wollen. Fast alle Kinder unseres Kulturkreises haben die Lektion erhalten, dass sie so, wie sie sind, nicht in Ordnung sind. Und weil wir als Kinder die Geborgenheit, das Angenommensein durch unsere Umgebung zum Überleben unbedingt brauchen, haben wir uns notgedrungen angewöhnt, unliebsame Gefühle wie Zorn, Angst oder Trauer, aber auch Kraft und nicht selten Liebe zurückzuhalten – was uns nur gelingt, wenn wir unseren Atem drosseln. Zugleich haben wir begonnen, Artigkeiten von uns zu geben, die nicht wirklich unserer Wahrheit entsprechen – wobei der Atem nicht richtig in Fluss kommen kann, weil er auf das engste mit Authentizität, mit Echt-Sein verbunden ist. Wir können nicht gleichzeitig frei atmen und lügen; daher auch nicht gleichzeitig frei singen und lügen.
Des Rückwegs erster Schritt: Draufkommen!
Der Rückweg zu unserem natürlichen, freien Singen ist also zugleich ein Weg der Heilung – des Heil-Werdens im Sinne von Wieder-Ganz-Werdens: Er besteht darin, daraufzukommen, wo und wie in unserem Körper, unserer Psyche und in unseren Gedankenkonzepten wir unseren Atem behindern und damit Schicht für Schicht aufzuhören. Damit ermöglichen wir immer mehr, das im klingenden Ausatem etwas von selbst, ohne unsere Kontrolle, geschehen kann, und zwar immer mehr so, wie es dem ursprünglichen Programm unseres Organismus entspricht.
Der zweite Schritt: Loslassen (Und wir ereignen uns...)
Untrennbar damit verbunden, hebt sich zugleich aber auch der Deckel über unserem wahren Ich: Alte Gefühle kommen hoch, können wahrgenommen werden, werden aber auch ausgeatmet und dürfen damit vorbei sein. Unsere kreativen Kräfte werden wieder wach und drücken sich aus. Wir versöhnen uns immer mehr mit uns selbst, indem immer mehr von dem göttlichen Wesen, das in uns angelegt ist, hindurchscheinen und -klingen kann – ganz besonders zu Weihnachten: Ein tiefes Geschenk von uns selbst an uns selbst.
In diesem Sinne wünsche ich allen, die sich zum Singen hingezogen fühlen, den Mut, es auch zu tun – gerade jetzt, gerade unter’m Christbaum. Wenn dabei Tränen kommen, ist das ein Zeichen von Nachhause-Kommen. Wenn etwas in uns dabei lacht – haben wir alten Schrott abgeworfen. Gut ist nicht, was anderen gefällt, sondern was uns uns selber näher bringt.
Bildquelle: www.pixelio.de
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