Immer mehr LehrerInnen klagen darüber, dass die Eltern ihnen die Erziehungsaufgaben delegiert haben - immer mehr Eltern fühlen sich für das Lernen und das Vermitteln von Lehrinhalten zuständig. Ein unhaltbarer Zustand, der allen Beteiligten schadet, besonders den Kindern.
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Was lernst du in der Schule?
Wieder einmal sitzt Bernhard mit seinem zehnjährigen Sohn Felix am Wochenende am Schreibtisch, um Mathematik zu lernen. Er hat den Eindruck, dass sein Sohn keine Ahnung vom neuen Stoffgebiet hat. Auf die Frage, was er denn in der Schule lerne, antwortet der junge Mann: "Nichts". "Und, was machst du den ganzen Tag" - "Plaudern und spielen". "Und, was macht die Lehrerin?" - "Schauen, dass endlich Ruhe in der Klasse ist, und da sie die Klassenvorständin ist, kümmert sie sich darum, dass es uns gut geht und dass wir die Regeln einhalten."
Diese Antworten seines Sohnes wollte Bernhard überprüfen und besuchte die Lehrerin in der nächsten Sprechstunde. Sie klagte ihm ihr Leid darüber, dass sie seit Jahren immer mehr Erziehungsaufgaben zu übernehmen habe, die SchülerInnen hätten nicht einmal die Grundregeln des Miteinanders drauf und sie müsse sich ständig um einen passenden Ordnungsrahmen bemühen. Die Motivation sei sehr gering und sie habe ständig das Gefühl, ihr Unterricht sei für die meisten langweilig, obwohl sie doch die neuesten Methoden einsetze.
Haben Eltern und LehrerInnen die Rollen getauscht?
Da ich als Pädagoge und Begleiter von Eltern immer wieder mit diesem Thema konfrontiert werde, habe ich folgende These aufgestellt: Die Eltern haben in den letzten beiden Jahrzehnten viele ihrer Erziehungsaufgaben an die Schule delegiert und verstehen sich als Verantwortliche für das well-being Ihrer Kinder. Diese bekommen jede Menge an Entscheidungen "umgehängt", was auf den ersten Blick irgendwie cool wirkt, jedoch selten dem Entwicklungsstand und Alter der Kinder entspricht. Viele Freizeit-Termine blockieren zudem die Zeit zum absichtslosen Spielen und einfach Dasein.
LehrerInnen wiederum müssen sich nun, um ein akzeptables Lernklima herzustellen, um eben jene nicht gedeckten Grundbedürfnisse der Kinder kümmern und "schlagen" zurück. Wenn sie im Rahmen ihrer Unterrichtsstunden das Fachwissen, zu dessen Vermittlung sie eigentlich beauftragt sind, nicht unterbringen, dann wird diese Aufgabe nach Hause delegiert. Also: Eltern lernen mit ihren Kindern, abends und am Wochenende. Zudem steigt der Druck der "Bildungsbehörden", da SchülerInnen nicht die gewünschten Leistungen erbringen und nicht gesellschafts- und berufsfähig werden. Ein Teufelskreis.
Auswege? - Keine einfachen, nur umfassende und nachhaltige!
Die Situation wirkt zunehmend aussichtslos. Dennoch ist das Bewusstsein darüber bei fast allen Beteiligten präsent. Nun geht es bloß noch darum, die ersten Schritte zu setzen. Aber wer fängt an? Die LehrerInnen hoffen auf die Eltern - und umgekehrt. Und die SchülerInnen sind in diesem Machtspiel die VerliererInnen.
Egal, wer nun die ersten Schritte setzt, es geht darum, im Kleinen, also entweder klassen- oder schulspezifische Maßnahmen zur Veränderung zu setzen. Das offene Gespräch darüber, ein Elternabend, eine Vereinbarung, wer sich um welche Belange in der umfassenden Bildung und Erziehung der Kinder kümmert. Und da sollte die Prämisse jene sein, dass Eltern in erster Linie Erziehungsaufgaben und LehrerInnen Bildungsaufgaben übernehmen - mit all den Überschneidungen, die heute sinnvoll und notwendig sind. Also: keineswegs zurück zur alten Schule, sondern zu einer neuen Schule, an der sich Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen aktiv beteiligen, und um die Verantwortung für ihren Teil des Erfolges wissen.
Um Kommentare erstellen zu können, bitte einloggenPotentiale entfalten, ganzheitlich lernen
Schulentwicklung & Elternbegleitung
Autor: Sana Brauner am 2010-01-19 07:11:07
Lieber Michael!
Wenn ich mir die Gespräche von uns Eltern beim Zuschauen eines Fussball-Matches vor Augen führe, so geht es tatsächlich um Themen wie: "Habt ihr für den nächsten Englisch-Test schon begonnen zu lernen? Also unser gestriger Nachmittag war ein Horror. Bis Max nach ständigem Auffordern zum Lernen endlich sich hinsetzte dauerte es schon fast zwei Stunden. Das Lernen selbst dauerte nochmals so viel. Schließlich war ich nervlich am Ende ... usw."
Da auch ich mit Alexander diese Szenarien zum Teil kenne, weiß ich, dass die von dir angesprochene Thematik des Rollentausches dem Alltag entspricht. Manchmal kommt es mir aber auch vor, dass viele Eltern ihren Kindern wenig Raum für selbständiges Lernen geben. Sei es, weil sie unbedingt die Kontrolle darüber haben wollen oder ihren Kindern einfach wenig Vertrauen schenken.
Meine Frage: Gibt es deinerseits Empfehlungen welche Schritte, wenn auch nur ein oder zwei gesetzt werden können, um eine Veränderung herbei zu führen.
Liebe Grüße
Sana
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Autor: Dipl.-Päd. Michael Karjalainen-Dräger am 2010-01-24 22:55:31
Liebe Sana!
Herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Du hast einen Aspekt ins Spiel gebracht, der die Situation zusätzlich verschärft, das ist die zum Teil übetriebene Kontrolle mancher Eltern. Alles geschieht aus deren Sicht ja nur zum "Wohl der Kinder", da sie ihnen ja eine gute Schulbildung und später einen guten Beruf ermöglichen möchten; wobei gut mit finanziell gut asooziiert wird.
Also, es gilt aus Elternsicht dreierlei zu tun:
1.) Die Zeit für Hausübung und Lernen und eine bestimmte Dauer dafür festzulegen (z.B. täglich um 14 Uhr für 1 Stunde).
2.) Kontrolle nur, ob HÜ gemacht, nicht ob sie korrekt ist, für Fragen zur Verfügung stehen, aber nicht mit den Kindern nahclernen, sondern sie bitten, den Lehrer/die Lehrerin zu fragen, ev. selber auch mal mitgehen oder einene Gesprächstermin ausmachen, wenn Lernmängel öfter vorkommen.
3.) Freizeit nicht verplanen sondern täglich eine bestimmte Zeit quantitativ wertvolle Spiel- (zweckfreies Spiel ist zu bevorzugen) oder Gesprächszeit mit dem Kind!
Das sind einfache Möglichkeiten den Nachmittag aus Elternsicht neu zu gestalten.
Und: es wird nicht ohne bessere Kooperation zwischen Eltern und Lehrern gehen. In usnerer Privatschule haben wir den nächsten Elternabend genau diesem Thema gewidmet: Aufgaben- und Verantwortungsteilung zwischen Eltern, SchülerInnen und Lehrenden. Mal sehen, was sich ergibt!
Bleiben wir im Gespräch!
HG
Michael
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Autor: Manfred Lorenz am 2010-01-21 11:00:15
Lieber Michael,
es ist in der Tat schön zu erLEBEN, wei immer mehr MENSCHen Partei ergreifen für ein FREI-lern und die Individualität förderndes - / persönliche BLÜTE ermöglichendes Schul - Bildungssystem. Ich bin selbst seit 20 Jahren LERNcoach und Gedächtnistrainer und begleitete bisher einige tausend Schüler aus Deutschland und nun, wo ich Oberösterreicher bin, freue ich mich auch hier ImPULSE und ErMUTigung weitergeben zu können. Es geht um die 10 % der Schüler, die ein bestehendes Schulsystem wirklich zermürbt und für diese Kids haben wir auch einen Fluchtpunkt bei uns hier geschaffen, wo FREIlernen und Schulpflicht _ BeFREIung möglicht wird.
Ich freue mich sehr darauf, hier bald noch viel mehr GUTes erLEBEN zu können
namasté von HERZen
der Manfred
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