Autor: Grit Scholz am 11. Nov 2011 Das was jetzt folgt ist keine allgemeingültige Weisheit, sondern lediglich meine ganz persönliche Erkenntnis. Denn ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch seinen ganz individuellen Erkenntnisweg verfolgt. Und doch finde ich es inspirierend, wenn Menschen über ihre „Wege“ erzählen, denn in allem finde ich auch ein Stück meiner eigenen Wahrheit wieder. © Bild: Grit Scholz |
Lange, lange suchte ich nach weltlicher Zugehörigkeit. Wer oder was bin ich oder soll ich werden?
Menschen die von sich ganz klar behaupten konnten „Fan von Bayern München“ zu sein, oder Kommunisten, Hausfrauen, Bankkaufmann, Skinhead, Mystiker, oder Christ und ihr Leben durch diese Zugehörigkeit ganz und gar geprägt schien – beneidete ich irgendwie. Es kam mir so vor, als hätten diese Menschen eine Klarheit, die ich bei mir selber vermisste.
Denn mir konnte es nicht gelingen, mich selbst in eine der vielen vorhandenen Schubladen zu stecken. So sehr ich es hier und da versuchte, ich stellte immer wieder fest, dass es nicht stimmte. Denn alles was da auftauchte, alles was da in mir Resonanz machte, war jeweils nur ein winziger Teil von mir. In dem Moment, in dem ich dann behauptete, dies, oder das zu SEIN – fiel mir auf, dass das gelogen war. Da ich hätte immer sagen müssen, ich bin AUCH... Hausfrau, ich bin auch Grafikerin, ich bin auch Mutter, ich bin auch Rettungsschwimmerin, auch Philosophin, auch Künstlerin, auch Spiri, auch Öko, auch Ossi, auch Fotografin, auch Gärtnerin, auch Autorin, auch Handwerkerin, auch Lehrerin, auch Tänzerin, auch Köchin, auch Schneiderin, auch Kellnerin, auch Telefonistin, auch Verkäuferin, auch Mystikerin, auch Studentin, auch Tochter, auch Atomgegnerin, auch Weltenbummlerin, auch Schauspielerin, auch Verlegerin, auch Journalistin, auch Geliebte, auch integral, auch Feministin, auch Kallisophin und noch vieles mehr.
Wenn ich aufgefordert wurde, eine kurze Vita zu schreiben, dann tauchte dieses Thema immer wieder auf. Die meisten erwarteten da eindeutige Erklärungen und Begriffe zur Person, die ich nur schwer liefern konnte.
Nun drängte sich mir die Frage auf, wieso die meisten Menschen ganz klar, dies, oder das sind, oder zu sein glauben und ich selber ganz unklar alles mögliche bin und zu sein glaube?
Eine gute Freundin sagte ganz spontan auf meine Frage: „Na weil das Leben für dich dein Meister ist. Und viele Menschen wenden sich einem bestimmten Konzept zu, drehen sich in eine Richtung und halten sich daran fest, wenn sie etwas gefunden haben, was ihnen entspricht.“
Ja, spannend, dachte ich. Und mir vielen gleich einige Menschen ein, auf die dieses Bild passte. Doch ich kenne auch viele Menschen, die seit vielen Jahren auf der Suche sind, die sich in alle Richtungen drehen und wenden und Ausschau halten, nach ihrer Bestimmung, ihrer Aufgabe. Viele von denen verbringen den größten Teil ihrer Freizeit mit Selbsterfahrung in Seminaren, oder mit Weiterbildung in sämtlichen Kursen, lassen sich coachen oder folgen einem Guru. Oft arbeiten sie nur, damit sie sich diese Freizeitgestaltung leisten können. Mir wurde bewusst, dass ich mit diesen Menschen immer einen bestimmten Konflikt hatte, weil ich nicht nachvollziehen konnte, warum sie so lebten. Denn für mich selber war es wenig reizvoll, bis unerträglich, mir von anderen sagen zu lassen, wie ich leben sollte, mich anleiten zu lassen, wie ich dies, oder das tun sollte, oder mir sagen zu lassen, wer ich bin und wie ich bin – das war einfach noch nie mein Ding.
Mir kam es albern vor, mich beispielsweise in einem Seminar mit dem Thema Tod zu beschäftigen, wenn doch das Leben selbst mich schon mehrfach in Situationen brachte, in denen dieses Thema wirklich ganz real präsent für mich war. Situationen in denen ich Selbstmordgedanken hatte und den Selbstmordprozess erlebte, oder Situationen die mich mit dem Tod geliebter Menschen konfrontierten und ich Verlust, Trauer und Schmerz erlebte, aber auch ganz viel wunderbares.
Genauso absurd fand ich es, ein Tantra-Seminar zu machen, denn nachdem ich mehrere Bücher über Tantra gelesen hatte und mit Tantrikern gesprochen hatte, stellte ich fest, dass ich im Grunde ganz tantrisch lebte und liebte, obwohl ich mir dessen gar nicht bewusst war – bevor ich nicht die Theorie dazu studiert hatte.
So und ähnlich erging es mir oft, nachdem ich Bücher las. Ein Gefühl, als wäre die Praxis schon da, nur hat mir die passende Theorie dazu gefehlt, um mir meiner Erfahrungen überhaupt – im Sinne der Theorie, des Konzeptes, bewusst zu werden, um Zusammenhänge zu erkennen, um Worte zu finden, darüber sprechen zu können, um zu spüren, dass ich nicht verrückt bin, sondern dass auch andere ähnliche Wahrnehmungen, oder Erfahrungen hatten. Das war für mich immer sehr erleichternd, ich fühlte mich dann nicht mehr so allein und war glücklich, dass ich nun eine Aufschrift für eine Schublade hatte, in die ich einen Erfahrungsbereich einordnen konnte.
Es war mir, als machte ich eine große Entdeckung, als mir klar wurde, dass ich die Ereignisse meines Lebens scheinbar ganz anders nutzte, als viele andere Menschen. Mir viel auch auf, dass ich mich oft so fühlte, als könnte jede Sekunde des Alltags ein großes, unerwartetes Geschenk für mich bringen, denn so erlebte ich mein Leben.
Ich war schon immer neugierig und sehnte mich danach, alles erleben zu können, was man nur erleben kann. Dabei war es mir gleichgültig, ob die Erfahrungen gut oder schlecht waren. Ich hatte keine Angst, ich wollte es einfach immer wissen – wie es sich anfühlt. Und mir passierten auch viele Sachen, weil ich nichts tat, um mich davor zu schützen, oder dem aus dem Weg zu gehen. Unterm Strich muss ich aber sagen, dass mir die heftigen Erfahrungen, die wir allgemein als „schrecklich“, bezeichnen würden, die größten Geschenke waren. Wie arm wäre ich, wenn ich das nicht hätte erleben dürfen? Ich war obdachlos, mit kleinem Kind. Ich wurde verraten und betrogen. Ich war sehr schwer krank. Ich verlor mehrmals alles, was ich glaubte zum Leben zu brauchen. Ohne diese Erlebnisse, wären mir vielleicht mein vieles Glück, die Liebe die ich erfuhr, die unterstützenden Fügungen und Inspirationen gar nicht als solche bewusst geworden. Es ist absolut wesentlich für mich gewesen, JA zu allem was geschah zu sagen – um wirklich erleben zu können. Denn diese Erfahrungen fanden im Raum der Dualität statt. Wenn ich aber nicht zulasse, dass dieser Raum sich öffnet, weil ich nur die eine Seite erleben möchte – fehlt jede Lebendigkeit.
Meine Freundin sagte einmal: „Es kommt mir so vor, als wäre ich gar nicht bereit wirklich zu leben. So als habe ich mein Leben automatisiert und abgesichert nach allen Seiten, dass bloß nichts Unerwartetes passieren kann. Aber ich fühle mich oft wie gelähmt, denke, das es noch mehr geben müsste, habe Sehnsucht etwas besonderes zu erleben und suche das dann in den Seminarangeboten, denn es werden immer mehr spannende Sachen angeboten, das macht mich dann neugierig und ich fühle mich dadurch lebendiger.“ Ich musste ihr zustimmen, denn auch für mich fühlte es sich oft so an, als vermied sie das Leben. Aus Angst und Sorge, dass etwas geschehen könnte, was sie nicht wollte, sorgte sie lieber dafür, dass nichts geschehen konnte.
Aber wer kann da etwas dafür?
Wer ist dafür verantwortlich, dass ich schon als achtjähriges Kind diese unbändige Lust auf Leben hatte und da keine Angst war, die mich gehindert hätte, jeden Tag wieder die Taste „Risiko“ zu drücken.
Und wer kann etwas dafür, wenn es anders ist?
Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch, sondern lediglich ein Erkennen von dem, was ist.
Es gab Zeiten, da fühlte ich mich schlecht, weil ich nicht wie die meisten anderen in meinem Umfeld war, weil ich mich nicht für Seminare begeistern konnte, weil es für mich weder Arbeitszeit noch Freizeit gab – sondern nur Lebenszeit, weil ich auch am „Erleuchtet sein“ – nichts faszinierendes finden konnte, sondern es mich eher erschreckte und weil ich nicht mit wenigen Worten sagen konnte, wer oder was ich bin.
Inzwischen habe ich erkannt, dass es nicht darum geht, werden zu wollen, wie andere sind, sondern dass es einzig darum geht, meiner Wahrnehmung von Stimmigkeit und Wahrheit zu folgen. Auf die Frage, was ich bin, antworte ich heute, ich bin von allem etwas. Wie erleichternd, dass das so sein darf.
Wie wunderbar, dass ich mich nicht selbst einschränken und festklopfen muss. Denn dann könnte ich gar nicht mehr fließen mit dem, was ist und kommt.
Um Kommentare erstellen zu können, bitte einloggenAutor: Lygia Simetzberger am 2011-11-12 00:23:29
Liebe Grit, mir ging bzw. geht es ziemlich ähnlich. Wir dürften wohl vom selben Stern runtergefallen sein ;) Ich denke, ich werde ab sofort alle deine Beiträge lesen :) Liebe Grüße, Lygia
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