Autor: Floco Tausin am 08. Nov 2011 In der Ethnologie und Psychologie ist seit längerem bekannt, dass veränderte Bewusstseinszustände die Wahrnehmung von subjektiven visuellen Phänomenen begünstigen. Gemeint sind damit einerseits Halluzinationen und anderseits so genannte entoptische Erscheinungen.
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Mouches volantes: Bewegliche Kugeln und Fäden aus der Sicht eines Sehers
Letztere sind leuchtende bewegte geometrische Formen, die sich häufig in Trancezuständen vor dem Auge des Betrachters abspielen. Da man annimmt, entoptische Erscheinungen entstehen irgendwo zwischen der Netzhaut im Auge und dem Sehzentrum im Hirn, zählen sie zu den kulturunabhängigen universellen Charakteristiken der Menschheit. Schamanen, Druiden, Seher, heilige Männer und Frauen früherer und heutiger Gesellschaften sahen solche Formen während rituellen Zeremonien und gaben ihnen religiöse Bedeutungen.
Mouches volantes
Einer dieser Menschen ist der Einsiedler Nestor, den ich Mitte der 1990er Jahre im Schweizer Emmental getroffen habe. Nestor, der sich als „Seher“ versteht, ist durch seine Bewusstseinsentwicklung auf eine bestimmte Art von entoptischen Phänomenen gestossen, die er seit Jahren in seinem Sehen weiterentwickelt. Das Phänomen, von dem die Rede ist, sind einfache geometrische Formen, nämlich punkt- oder kugelartige Gebilde, sowie Fäden, in denen teilweise aneinander gereihte Kugeln gesehen werden können. Diese Kugeln und Fäden sind üblicherweise transparent, bewegen sich verschieden schnell durch das Gesichtsfeld, meistens nach unten, doch sie können durch Augenbewegungen willentlich beeinflusst werden.
In der Augenheilkunde ist dieses Phänomen seit längerem als „Mouches volantes“ (frz. für fliegende Mücken) bekannt. Mouches volantes ist ein Sammelbegriff, der alle möglichen Trübungen im Glaskörper umfasst, allerdings nichts über deren Ursprung aussagt. Die Mouches volantes, um die es hier geht, gelten als idiopathisch, d.h. sie können nicht auf eine bestimmte Ursache zurückgeführt werden und gelten als harmlos und altersbedingt. Sie werden wahrgenommen als vereinzelte Kugeln und Fäden, die im Blickfeld schwimmen. Ihre wissenschaftliche Erklärung hat sich durch die Jahrhunderte hindurch und selbst in jüngster Vergangenheit immer wieder gewandelt. Heute gelten sie meistens als Verklumpungen des Glaskörpergerüstes. Fest steht, dass diese Art von Mouches volantes mit unseren heutigen Mitteln nicht effektiv festgestellt und behandelt werden können.
Nestors Erklärung: Bewusstseinsstruktur und innerer Sinn
Nestors Aussagen über diese Kugeln und Fäden weichen erheblich von der augenheilkundlichen Erklärung ab: Für ihn sind diese Punkte und Fäden aus dem Bewusstsein entstanden und bilden eine zusammenhängende Struktur, auf welche wir unsere materielle Welt wie auf eine Leinwand projizieren. Sie sind direkt mit unserem Willen verbunden, letztlich passt unser reines, egoloses Bewusstsein in eine solche Kugel in dieser Struktur.
Ob die Mouches volantes eine materielle Entsprechung im Auge (oder im Hirn) haben, ist für Nestor irrelevant. Für ihn sehen wir diese Punkte und Fäden nicht mit unseren Augen, sondern mit einem „inneren Sinn“. Diesen inneren Sinn nennt er manchmal auch das dritte Auge, ein Auge, das sich durch das Zurückziehen der äusseren Sinne bei Konzentrationsübungen mehr und mehr öffnet. Erste Erscheinungen von Mouches volantes deuten daher bereits auf eine kleine Öffnung des dritten Auges hin. Wie offen das dritte Auge ist, ist bedingt durch die Zeit, Kultur und individuelle Bemühungen. Die Tatsache, dass gegenwärtig viele Menschen Mouches volantes sehen, wenn auch nur kleine vereinzelte transparente Punkte und Fäden, bedeutet für Nestor, dass viele Menschen bereits eine Verbindung zum inneren Sinn haben.
Mit solchen Erklärungen misst Nestor diesen visuellen Erscheinungen eine aussergewöhnliche Bedeutung bei: Sie sind eine spirituelle Erscheinung und somit ein direkt wahrnehmbarer Ansatzpunkt für unsere eigene Bewusstseinsentwicklung, für die Erkenntnis unserer Welt und uns selbst. Wie aber kommt Nestor dazu, solches zu behaupten? Zunächst hat er den Anspruch, dass seine Aussagen über die Mouches volantes auf seinem eigenen Sehen basieren, wobei er die Mouches volantes anders sieht, als sie üblicherweise wahrgenommen werden: nicht als vereinzelte kleine Pünktchen und Fädchen, die dauernd wegdriften, sondern als grosse, leuchtende Kugeln und Röhren, die er mit seinem Blick festhalten und somit erst richtig sehen kann. Dass es sich dabei dennoch um das handelt, was viele Menschen als Mouches volantes erleben, kann er deshalb sagen, weil er im Laufe seiner Bewusstseinsentwicklung die Umwandlung von kleinen beweglichen Kügelchen und Fädchen in grosse Kugeln und Röhren erlebt hat.
Der Zoom-Effekt und die Schichten des Bewusstseins
Diese Umwandlung führt Nestor auf seine Lebensweise zurück, die eine ethische Grundhaltung, Ernährungspraktiken, körperliche Übungen, Atemübungen, visuelle Konzentrations- und Meditationspraktiken sowie gezielt herbeigeführte Bewusstseinserweiterungen umfasst. Diese Lebensweise hat einerseits eine Ansammlung von Energie, andererseits eine Öffnung seines Körpers herbeigeführt. Dadurch ist ein Seher nicht mehr gezwungen, seine Energie durch Handlungen abzugeben, sondern kann sie direkt als entspannendes Prickeln bzw. Ekstase an die Umgebung verschenken.
Diese Ekstase hat nun einen direkten Einfluss auf die Wahrnehmung: Im Moment des Ausströmens von Energie wird ein betrachteter Gegenstand abrupt „herangezoomt“. Das heisst, der Seher sieht den Ausschnitt der Welt kleiner, den betrachteten Gegenstand aber näher, grösser, farbiger und schärfer. Aufgrund dieser Beobachtung geht Nestor davon aus, dass unser Sehsystem aus verschiedenen hintereinander aufgereihten Schichten besteht, auf welchen sich unsere Welt abspielt. Jede Schicht korrespondiert mit einem spezifischen Bewusstseinszustand. Grundsätzlich würde uns das ganze Bewusstseinsspektrum offen stehen, doch infolge unserer Erziehung haben wir uns auf eine einzelne Schicht fixiert. Durch entsprechende Techniken lernt der Seher, die Fixierung auf seine gewohnte Schicht aufzulösen und in seinem Sehen durch die Schichten hindurch und somit in seinem Bewusstsein beweglich zu sein.
Mouches volantes, Zoom-Effekt und die Schichten des Bewusstseins.
In der Folge versucht der Seher, durch seine Lebensweise und Praktiken den Energieumsatz sowohl kurzfristig, wie auch längerfristig zu erhöhen, um intensivere Bewusstseinszustände herbeizuführen und das Bild noch näher und intensiver zu erleben. Das Zusammenspiel von kurzfristigen Bewusstseinserweiterungen und einer langfristigen bewusstseinsförderlichen Lebensweise führt zu einer Vorwärtsbewegung innerhalb dieser Leuchtstruktur. Dies bedeutet, dass sich ein Seher allmählich durch die Bewusstseinsschichten hindurch bewegt, und dass er die üblichen Kugeln und Fäden, die nun sehr nahe gekommen sind, „hinter“ und „unter“ sich lässt und die Konzentration auf neu erschienene Kugeln und Fäden weiter oben und hinten richtet. Nestor nennt diese geistige und visuell direkt sichtbare Vorwärtsbewegung den „Weg in der Leuchtstruktur“.
Konstellation der Kugeln und die Quelle
Der Weg in der Leuchtstruktur ist ein Weg der Reduktion: Zu Beginn sehen wir eine Vielzahl von Kugeln und Fäden, welche sich scheinbar ohne jede Ordnung, und daher ohne jeden Sinn vor unseren Augen bewegen. Später läuft der Weg in der Leuchtstruktur darauf hinaus, dass der Seher immer weniger, dafür sehr grosse Kugeln sehen wird. Diese enthüllen durch ihre Konstellationen fundamentale Prinzipien, die wir auch in der Natur und in der Kultur des Menschen immer wieder finden.
Doch nicht nur diese Konstellationen machen die Leuchtstruktur grundsätzlich sinnvoll, sondern auch der „Anfang des Seins“, bzw. die „Quelle“ – eine Kugel am Ende des Weges in der Leuchtstruktur. Für Nestor ist dies die Kugel, in welche wir immer wieder eingehen, sowohl beim Einschlafen wie auch beim Tod. Das Eingehen in diese Kugel bedeutet ein Eins-Werden mit der Struktur, daher aber auch ein Eins-Werden mit dem ganzen Bild. Nestors Weg ist also ein mystischer Weg: Er ist der Ansicht, dass wir durch die Verkörperung aus dieser Einheit mit dem Bild heraus gefallen und zu individuellen und abgesonderten Persönlichkeiten geworden sind; der Weg in der Leuchtstruktur führt entsprechend zurück zu dieser Einheit, mit der Absicht, möglichst nahe an diese letzte Kugel heranzukommen und wenn möglich vor dem körperlichen Tod bewusst in sie einzugehen.
Die Bedeutung der Mouches volantes
Wie bei aller Mystik, Philosophie und Religion handelt es sich auch im Fall von Nestor um Aussagen über subjektive Wahrnehmungen. Die einzige Möglichkeit der Überprüfung ist das eigene subjektive Nacherleben. Was uns ein Seher wie Nestor jedoch auch für den Alltag mitgeben kann, ist die Gewissheit, dass das Leben und die Dinge um uns herum zu einem Bild gehören, mit welchem wir unmittelbar verbunden sind; und dass diese Verbundenheit sich in den Mouches volantes manifestiert, den kleinen Punkten und Fäden, die vor unseren Augen herumschwimmen. Mit den Mouches volantes gibt uns Nestor etwas Direktes, Sehbares und Individuelles für unsere Bewusstseinsentwicklung an die Hand; etwas, das wir unabhängig von äusseren Gegenständen als Objekt für die tägliche Konzentration und Meditation verwenden können.
Floco Tausin
floco.tausin@mouches-volantes.com
Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor studierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte „Mouches Volantes“ über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.
Angaben zum Buch:„Mouches Volantes – Die Leuchtstruktur des Bewusstseins“, Leuchtstruktur Verlag (Bern) 2010, Paperback, 376 Seiten, 24.90 € / 39.80 CHF, Genre: Belletristik/mystische Erzählung.
Bereits den alten Griechen bekannt, von heutigen Augenärzten als harmlose Glaskörpertrübung betrachtet und für viele Betroffene ärgerlich: Mouches volantes, Punkte und Fäden, die in unserem Blickfeld schwimmen und bei hellen Lichtverhältnissen sichtbar werden.
Die Erkenntnis eines im schweizerischen Emmental lebenden Sehers stellt die heutige Ansicht radikal in Frage: Mouches volantes sind erste Teile einer durch unser Bewusstsein gebildeten Leuchtstruktur. Das Eingehen in diese erlaubt dem Seher, über den Tod hinaus bewusst zu bleiben.
Mouches volantes: Glaskörpertrübung oder Bewusstseinsstruktur? Eine mystische Geschichte über die nahe (f)liegendste Sache der Welt.
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