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Was ist ein Engel?

Engel Jakob Autor: Jaan Karl Klasmann am 10. Dez 2008

Es weihnachtet wieder, und überall sind Weihnachtslieder zu hören, oft unerträglich zur Unkenntlichkeit verkitscht, und versuchen, eine besondere Stimmung, die nur zu dieser Jahreszeit zu spüren ist, gleichsam in Kaufkraft umzumünzen. Das Manipulierende dieses Treibens lässt leider oft vergessen, dass in der Weihnachtszeit und in den aus echtem Herzen gesungenen Weihnachtsliedern eine kostbare spirituelle Essenz verborgen liegt: Die Sphären des Heiligen und Engelhaften, die zu keiner anderen Zeit so deutlich spürbar werden.

„Du bist ein Engel!“, sagen wir und meinen: „Du bist (oder handelst) so wunderbar und liebevoll, wie ich mir Liebe, Harmonie und Schönheit in ihrer reinsten Form erträume; so, wie ich mir den Himmel vorstelle.“ Dazu gehören Attribute von Hilfsbereitschaft, von Geben, was der andere im tiefsten Herzen ersehnt ebenso wie die einer Schönheit, welche die Grenzen des Irdischen zu überschreiten scheint.

In diesem Sinn hat das Wort „Engel“ wohl jeder schon benützt – auch Menschen, die behaupten, nicht an sie zu glauben und die alles Überirdische als Ammenmärchen abtun. Auch in ihnen gibt es, wenn sie ehrlich sind, eine tiefe Sehnsucht nach dem Licht, der Liebe, der Schönheit, nach etwas Erhabenem und Heiligem. Ja, paradoxerweise gerieren sich oft gerade jene besonders lautstark als „Realisten“, deren Verletztheit und Sehnsucht geradezu übermächtig ist: Diese Sehnsucht zuzulassen; sich auch nur auszumalen, wie sich die Erfüllung der innersten Wünsche anfühlen würde, kann im Kontrast zur Erdenwirklichkeit so schmerzhaft sein, dass es leichter ist, sie als Kinderkram abzutun und nicht mehr zu beachten.

Tatsächlich sind Engel in fast allen Religionen bekannt. Wo sie bekannt sind, werden sie in der gleichen Weise beschrieben, und auch hellsichtige Menschen, in den Beschreibungen ihrer Wahrnehmung einander oft zänkisch widersprechend, sind sich punkto Engel auf seltene Weise einig.

Stellen wir uns die Wirklichkeit als ein Kontinuum vor. Am einen Ende steht die göttliche Einheit: Absolute Leere, kein Raum, keine Begriffe, nur eine ewige, unwandelbare Gegenwart, die alles sein könnte, aber nichts Konkretes ist. Am anderen Ende steht die materielle Welt: Raum und Zeit, zahllose Erscheinungen, ganz konkret und erfahrbar, aber in ständiger Wandlung begriffen.

Zwischen diesen beiden Polen verläuft eine Stufenfolge von Verdichtung. Die Materie stellt Erfahrbarkeit zur Verfügung, der geistige Pol gleichsam die Software – das, was dem Erdenleben Sinn und Bedeutung, Zweck und Absicht verleiht. Das große Reich der Engelwesen vermittelt, in einer holographischen Hierarchie gestaffelt, zwischen diesen Ebenen: Bestimmte Engel sind für ganze Universen zuständig, andere für Galaxien, wieder andere für Sonnensysteme, für Planeten, für die Elemente auf den Planeten – bis hinunter zum persönlichen Schutzengel jedes Menschen.

Die Bibel spricht unter anderem von Seraphim und Cherubim, von Thronen, Mächten und Gewalten – und das zeigt, was Engel sind: Herrscher über einen bestimmten Bereich der Schöpfung, doch nicht eigenmächtige Diktatoren, sondern die beauftragten Vollzieher der göttlichen Absicht. Sie vollziehen diese Absicht aber nicht wie irdische Ministerien durch Verordnungen, Polizei und Strafbescheide, sondern durch das, was viele, die Engeln in ihren Meditationen begegnen durften, als „Engelsgesang“ beschrieben haben: Für unsere sterblichen Ohren unhörbarer Klang, der gleichsam eine Schablone aus Schwingung bildet, nach der sich Materie formt und in ihrem Verhalten ausrichtet.
Zu Weihnachten können wir dies besonders deutlich spüren: Im tiefen Winter sind die Engelkräfte der Natur (die sich um das rechtzeitige Erblühen der Pflanzen, die Paarungszeit der Tiere und vieles andere kümmern) sozusagen auf Urlaub und höhere Ordnungen, die „Lichtbringer“, die uns normalerweise nicht ganz so nahe sind, rücken nach. Sie verbinden uns mit uns selbst und mit höheren Harmonien, die das Bewusstsein auf Friede, Versöhnung und eine stille Freude lenken. Nicht nur unsere Vorstellung - auch Weihnachtslieder ziehen sie an und etwas in unseren Herzen wird hell.

Was da hell wird, ist aber kein Licht, das von außen neu in uns hineingetragen werden würde. Zwar sind Engel eigenständige geistige Wesen -  doch die Ebenen, auf denen sie wirken, sind auch Ebenen des menschlichen Bewusstseins, die in geeigneten Meditationsprozessen erfahren werden können. Die Sufis nennen diese Ebene „Malakut“ (die Ebene der Königreiche). Die Schönheit, das Licht, die Liebe der Engel sind Teil unserer eigenen Menschennatur, und noch viel mehr, was darüber weit hinausgeht und bis zum Einssein mit dem Göttlichen selber reicht.

Wenn uns in Traum oder Meditation oder als sublime Schwingung unter dem Weihnachtsbaum Engel erscheinen, erinnern sie uns also an die heiligen Ebenen unserer Selbst. Sie bringen uns Botschaft von unserem eigenen Wesen und erfüllen damit die Bedeutung ihres Namens. Engel stammt vom griechischen „àngelos“ ab, und das heißt „Botschafter“.

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