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Warum wirken Rituale?

In Thailand lässt man zu verschiedenen Anlässen Lampions aufsteigen, und hofft, dass die damit verbundenen Wünsche erfüllt werden. Autor: Jaan Karl Klasmann am 27. Nov 2011
Von der Frühstückzeremonie zur Heiligen Messe, von der Schwitzhütte zum ganz persönlichen Hochzeitsritual: Festgelegte Abläufe sind Werkzeuge, die (von uns) dazu programmiert sind, Kraft zu geben.

»Ritual« bedeutet, dem »Ritus« und damit »der Religion verpflichtet«, und »Religion« bedeutet »Rückverbindung«. Rückverbindung mit wem oder was? – Mit uns selbst

Untrennbar zu jedem Ritual gehört ein zeremonieller, also konstanter und/oder feierlicher Ablauf, der sich nach festgesetzten Regeln vollzieht. Im Lauf des Rituals gibt es also etwas, worauf wir uns verlassen können. Das ist auf allen Ebenen seine erste wichtige Funktion:

Rituale - An der Oberfläche oder auch alltäglich:

Das immer gleiche Frühstück zur gleichen Zeit, Rituale im Badezimmer, am Arbeitsplatz, in der Sauna oder am Stammtisch – sie alle haben den Zweck, uns Halt zu geben. Auf dieser Ebene, zugegeben, mit der Gefahr, der Illusion zu erliegen: Wir beginnen, uns durch konstante Abläufe zu definieren, und fühlen uns unrund, wenn einmal ein Stück davon fehlt.
Wir bauen aus unseren Alltagsritualen ein Bild von uns, einen Begriff von Identität, und fallen darauf schließlich herein.
Aus eben diesem Grund empfiehlt der Dalai Lama, mindestens einmal im Jahr einen Ort zu besuchen, an dem wir noch nie waren, und etwas zu essen, was wir noch nie gekostet haben.

Auch in der Tiefe geben Rituale Halt – aber ganz anders.

Auch hier gibt das Gleichbleibende ihres Ablaufs Sicherheit – den sicheren Raum jedoch nicht für die Wiederholung des ewig Gleichen, sondern zur Verwandlung, zur Entdeckung des Neuen. Wenn auf einen Ablauf Verlass ist, entsteht eine Art Geländer für Prozesse, in denen wir unsere bisherige Identität auflösen, um eine neue zu betreten – ein/e andere/r zu werden.

Wir wissen, dass etwas nach dem Ritual nie wieder so sein wird wie vorher  -  und das wir im Halt des Rituals Gefühle wie Angst, Schmerz und Auflösung ebenso zulassen können wie die Neu-Gier auf das noch Unbekannte. So waren hierzulande die Riten zur Einweihung ins Erwachsen-Werden, die der Eheschließung, der Priesterweihe oder der Verabschiedung Verstorbener.
So sind bis heute aber auch jene Rituale indigener Völker, die deren Alltag begleiten und sie in Verbindung mit ihrer inneren Quelle halten: In Amerika und Sibirien die Schwitzhütte zur Reinigung und Neuausrichtung auf die Lebensaufgabe und auf die guten, unterstützenden Geister; in Afrika z.B. das Ritual des „Aschenkreises“ (bevor ein Ehepaar miteinander schläft, setzt es sich im heiligen Kreis gegenüber und spricht alles aus, was dazwischensteht – vorbehaltlos, aber mit der Pflicht des jeweils anderen, im Kreis zu bleiben und zuzuhören)

Der feste Ablauf ist jedoch nur eines der Elemente. Ein weiteres liegt – vor allem bei althergebrachten Ritualen – in der Kraft des morphogenetischen Feldes, das durch Jahrhunderte durch die Praxis von Millionen schon Menschen entstanden ist. Ein solches Ritual „trägt“, weil wir uns durch seine Ausübung den vielen anschließen, die den Weg vor uns gegangen sind (wie mit einem Kabel, das nicht aus Kupfer, sondern aus Resonanz besteht).

Und dieses führt zum dritten Element, das davon unabhängig auch für Rituale gilt, die wir vielleicht nur für diesen Anlass selbst erfunden haben:
Ein Ritual hat für uns jene Kraft, die wir ihm selbst durch unsere Entscheidung verleihen. Am Beginn eines transformatorischen (Wandlungs-) Rituals steht der feste Entschluss, den Weg zu gehen, und das Ergebnis, welches es auch sei, für uns für verbindlich zu erklären. Wir SIND dann eben erwachsen; verheiratet; Priester... Wir HABEN dann eben bestimmte alte Verhaltensmuster verbrannt und werden nie wieder zu ihnen zurückkehren; wir HABEN eine neue Sichtweise auf uns selbst und werden das Kleid der älteren, beengenden Identität nicht wieder anlegen.
In diesem Sinn ist Ritual ein Tor mit einem Einbahn-Schild (für Elektroniker: eine Diode...). Es gibt den Halt für einen Schritt, nach dem es kein Zurück gibt. So wachsen wir, so wandeln wir uns leichter...


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