Autor: Jaan Karl Klasmann am 30. Jun 2008 Die EURO ist gewesen, Spanien hat’s geschafft, und manch einer mag sich angesichts des Rummels, der gnadenlosen Abzocke der UEFA, des Drecks auf den Straßen und der fiebernden Konzentration so vieler Menschen auf scheinbar völlig Unwichtiges gefragt haben: Warum lassen Gottheit und Naturgesetze derlei zü Menschlicher Versuch, zu antworten: Weil damit etwas weitergeht. Und weil Fußball eben kein primitiver Zeitvertreib für jene ist, die es statt im Kopf halt in den Beinen haben, sondern eine hochkomplexe psychologische und auch spirituelle Test- und Lernsituation, die noch dazu den Vorteil hat, kein Krieg, sondern ein Spiel zu sein. |
Das innere Feld, auf dem ein Match sich abspielt, ist jenes des Verhältnisses des Einzelnen zum größeren Ganzen, dessen Teil er ist.
Wenn ein Spiel „abhebt“, gibt es da etwas, das alle verbindet, einen gemeinsamen Geist, der wohl von allen getragen wird, der aber auch alle trägt und der bewirkt, dass jeder vorausfühlt, was seine Mitspieler beabsichtigen und wo er folglich im nächsten Augenblick am richtigen Platz sein wird.
Was waren die begeisternden Partien dieser EURO?
Ob Holland – Italien; Russland – Holland; Deutschland – Portugal; oder Spanien – Russland: Immer waren es Spiele, in denen vor allem die obsiegende Mannschaft agierte „wie ein Mann“. Wer je von einem solchen Strom erfasst wurde, der kennt auch Ekstase – das Glücksgefühl, über sich selbst hinausgehoben, in ein Größeres, Tragendes eingebettet zu sein. Es sind Momente, in denen wir ganz präsent, vollständig im Strom unseres Lebens stehen, eben weil das kleine Ich nicht mehr im Weg steht. Wir sind, könnte man sagen, in diesen Augenblicken von uns selbst erlöst.
Das ist das Grundthema eines Mannschaftssports wie Fußball, sowohl auf den Platz als auch auf den Rängen.
Denn was treibt Fans ins Stadion, auf die „Meile“ oder vor den Bildschirm in ihrem Stammbeisel? Woher kommt der Reflex zu einer Mannschaft „zu halten“, sich mit ihr zu identifizieren, sich selbst als Sieger oder Verlierer zu fühlen – je nachdem? Natürlich ist da das Bedürfnis, am Triumph der „eigenen“ Mannschaft emotional zu partizipierten (um den Preis, dann auch die Niederlage auf sich selbst beziehen zu müssen), und doch geht es noch um etwas anderes, nämlich das Gemeinschaftsgefühl: Die Emotionen, welcher Art auch immer, mit vielen Gleichgesinnten zu teilen und auf diese Weise, und sei es unter dem Einfluss vieler Biere, über der Kerker des Ich hinausgehoben zu werden.
Das Streben nach dem Überschreiten des Ich ist in jedem Menschen als tiefe Sehnsucht angelegt – doch beginnt hier auch eine Gefahrenzone:
Denn wodurch definiert sich das „größere Ganze“? Durch die Schönheit des eigenen Gemeinsamen oder durch die Ablehnung des Gegner? Wieviele Diktatoren haben Kriege angezettelt, um die Konflikte im Inneren durch den gemeinsamen Feind im Außen zu befrieden?
Viele Erlebnisse hier in Wien zeigen, dass diese Lektion zumindest in Europa weitgehend gelernt ist.
Wer gesehen hat, wie viele Deutschland-Fans mit Spaniern feiern konnten, versteht, dass dann, wenn jeder sein bestes gibt, und zwar für sich und die seinen, am Ende auch der Verlierer Selbstbewusstsein, Würde und sogar Freude behalten kann.
Völkerverbindend wirkt Sport also dann, wenn als das größere Ganze, das sich darin vereint, nicht nur Städte, Regionen, oder Länder, sondern die Menschheit als solche verstanden wird. Wenn dies aber das Ziel ist – warum dann überhaupt Spiele, bei denen es einen Sieger und einen Verlierer geben muss?
Vielleicht aus dem einfachen Grund, dass das Ganze der Menschheit stets nach Vervollkommnung strebt, und dass dieses Streben alle denkbaren Qualitäten umfasst – nicht nur technische, politische, wirtschaftliche Fortschritte, sondern auch spielerische wie eben Ballbeherrschung, Taktik und die hohe Kunst des Zusammen-Spiels.
Wagen wir den Gedanken, dass das Göttliche selbst es ist,...
...das durch jede unserer Erfahrungen lernt und zu höherer Vollendung der Schöpfung fortschreitet und sich dabei zur Selektion des Besseren vom Guten des Konkurrenzprinzips bedient: Vor 30 Jahren war im Fußball Deutschland das Maß aller Dinge – die anderen mussten dazulernen, und sie taten dies: Wer heute so spielt wie Deutschland damals geht unter. Über Stationen wie Brasilien und Frankreich ging die Entwicklung weiter, und nun ist Spanien der große Lehrmeister. Die anderen werden Gegenmittel suchen und auch finden.
So wachsen die Verlierer an den Siegern, bis sich die Verhältnisse umdrehen.
Qualitäten vervollkommnen sich im Wettstreit mit ihresgleichen, und ich wage die Behauptung: Gott und Göttin freuen sich über jeden Schritt – und keiner wird der letzte sein. Wenn die Guten es fertig bringen, den Besseren zu ihrem Fortschritt zu gratulieren, wird dieser zum Algemeingut, und dann haben wir – die Menschheit – verstanden.
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