Autor: Grit Scholz am 01. Feb 2010 Mich beschäftigt die Frage: Haben Genitalverstümmelung und der Trend zu genitalen Schönheits-OPs etwas miteinander zu tun und wenn ja - WAS? Ich gebe hier ausschließlich meine Gedanken zum Thema und meine eigene Meinung wieder und freue mich eine Diskussion darüber anzuregen.
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Diese Frage drängt sich mir förmlich auf, da ich durch mein Buchprojekt „Das Tor ins Leben“ (Bildband über die weiblichen Genitalien) zu einer Art Magnet für sämtliche Meinungen und Themen rund um Weiblichkeit und Vulva geworden bin.
Ich habe demzufolge mit Menschen zu tun, die sich gegen die Genitalverstümmelung in der s.g. 3. Welt und Deutschland aussprechen und dagegen neue Gesetze erlassen. Gleichzeitig habe ich auch Kontakt zu Frauen, die ihre Vulva so hässlich finden, dass sie das Risiko einer genitalen Operation nicht scheuen.
Auch mit Schönheitschirurgen bin ich in Kontakt, um zu verstehen, wie es zu diesen Operationen kommt und den immer zahlreicher werdenden Angeboten rund um das Thema genitale Ästhetik.
Und ich bin seit Jahren verbunden mit Frauen, die sich mit dem Thema Weiblichkeit und Heilung des Schossraumes beschäftigen und schon vielen Frauen geholfen haben, zurück zu sich selbst und ihrer wahren weiblichen Kraft und Schönheit zu finden.
Scheinbar gibt es in unserer Kultur etwas, ein Schönheitsideal oder eine bestimmte Norm, die Frauen dazu drängt sich ihrer Einzigartigkeit zu berauben und sich statt dessen eine kindliche, kleine Vulva, am besten ohne Haare und innere Schamlippen beim Chirurgen zu erkaufen.
In der s.g. 3. Welt, vor allem in Afrika gibt es etwas, was selbst Mütter, die die Auswirkungen und Schmerzen ihrer eigenen Beschneidung erlebt haben dazu bringt, ihren Mädchen auch diese Prozedur zu zumuten. Sie fühlen sich regelrecht dazu gezwungen, weil sie fest daran glauben, dass es richtig und wichtig ist.
Vielleicht auch, weil eine unbeschnittene Frau oft ernsthaft bedroht ist, so dass die Beschneidung das kleinere Übel scheint.
Ich beginne diesen Artikel mit zwei Meldungen:
Meldung Nr. 1:
WIESBADEN/STUTTGART (dpa). Die Beschneidung von Frauen und Mädchen soll in Deutschland künftig mit mindestens zwei Jahren Haft bestraft werden. Ein gemeinsamer Gesetzentwurf von Hessen und Baden-Württemberg werde am 18. Dezember in den Bundesrat eingebracht, teilten die FDP-Justizminister beider Länder am Dienstag in Wiesbaden und Stuttgart mit.
Meldung Nr.2:
DIE WELT – online: Eine massive Warnung vor dem jüngsten Renner der plastischen Chirurgie
hat die renommierte Fachzeitschrift British Medical Journal veröffentlicht: Eindringlich sprach sich das Fachblatt in seiner jüngsten Ausgabe gegen Schönheitsoperationen an den weiblichen Genitalien, auch unter dem Schlagwort „Designer-Vagina“ bekannt, aus. Bei solchen Eingriffen werden meistens die äußeren Schamlippen verkleinert, aber auch Haut oberhalb der Klitoris entfernt oder die gesamte Vagina verkürzt. Die Autorinnen des Artikels kritisierten, dass Schönheitschirurgen die weiblichen Komplexe schamlos ausnutzten, aber über die Risiken eines solchen Eingriffs keine Auskunft gäben. Die Frauen erwarteten von der so genannten Genitoplastik die Schaffung einer abgeflachten Vulva, die dem kindlichen Look der Fotomodelle in westlichen Modezeitschriften entspreche. Oft kämen sie mit „Vorlagen“ zum Chirurgen, die häufig aus pornographischen Zeitschriften stammten und sehr wahrscheinlich digital verändert worden seien, heißt es in dem Artikel weiter. ...
Den vollständigen Artikel finden Sie hier
Zur Meldung Nr. 1:
Ich habe sehr gemischte Gefühle dabei - wenn wir hier in Deutschland eine Straftat aus der "Beschneidung der Mädchen" machen, die wir ganz zu Recht Genitalverstümmelung nennen.
Sicher ist es wichtig ganz klar zu sagen: Stopp, so etwas ist Menschenrechtsverletzung! Dazu müsste aber unser Grundgesetz völlig ausreichend sein!
Aber was passiert, wenn ein Mädchen beschnitten wurde das in Deutschland lebt?
Es wird sich kaum getrauen einen Gynäkologen oder Arzt aufzusuchen, sich nicht wagen von außen Hilfe zu holen, weil sie weiß, dass Ihre Eltern dafür ins Gefängnis kommen können.
Ist das wirklich sinnvoll und menschlich?
Oder ein Gesetz über ein Reiseverbot ins Heimatland für Mädchen – damit einer evt. Beschneidung vorgebeugt wird, die dort geschehen könnte... Ist das sinnvoll?
Ist es nicht eher grausam, dass z.B. ein afrikanisches Mädchen, das in Deutschland lebt, bis ins erwachsenen Alter nicht in sein Heimatland reisen darf und nicht seine Familie, seine Kultur kennen lernen kann?
Ist das nicht auch Verletzung des Menschenrechts?
Sollte es nicht vielmehr darum gehen, sich mit dem Grund, warum eine Mutter, obwohl sie in Deutschland lebt und die Qualen einer Beschneidung selber kennt, ihre Tochter beschneiden lässt, zu beschäftigen? Z.B. was für Gefahren drohen den Mädchen, wenn sie nicht beschnitten sind? An diesen Stellen müsste meiner Meinung nach angesetzt werden.
Wie hoch ist der kulturelle und religiöse Druck für die Eltern, selbst wenn sie in einer anderen Kultur wie z.B. Deutschland leben?
Was kann man an dieser Stelle tun - um hier Aufklärung und Unabhängigkeit zu unterstützen?
Warum glauben diese Eltern, dass sie gefährliche, schmerzhafte Veränderungen an der Vulva ihrer Mädchen vornehmen lassen müssen, was genau zwingt sie dazü
Das hat etwas mit dem nichtvorhandenen Selbstverständnis der Frau, als Frau zu tun, mit ihrer nicht mehr vorhandenen Selbstachtung – jenseits von Regeln und Vorschriften.
Eine Straftat daraus zu machen, bei der die Eltern bestraft werden, macht meiner Meinung nach nur noch mehr Probleme und wird Eltern, die es innerlich für notwendig und wichtig halten, nicht davon abhalten es zu tun... nur wird es umso gefährlicher für die Beschnittenen, die Kinder.
Hier ein kurzer Bericht aus der Praxis:
Im Juni 2009 habe ich, im Berliner Abgeordnetenhaus, einer Konferenz zum Thema „Genitalverstümmelung“ beigewohnt.
Ein wirklich prunkiger Konferenzsaal – an jedem Platz ein Mikro, viele Menschen aus hohen Ämtern in Politik und Gesundheit und Menschen die sich um Immigrantinnen kümmern...
Es wurde erwähnt, dass es in Berlin noch keinen einzigen offiziellen Fall von Genitalverstümmelung gegeben hat und dass es keine Zahlen gibt, wie viele in Deutschland lebende Frauen betroffen oder bedroht sind. Eben weil diese Frauen sich nicht von selbst an öffentliche Stellen oder Mediziner wenden. Und wenn doch, machen die Ärzte von ihrer Schweigepflicht gebrauch. Alle Zahlen, die zu diesem Thema gerne veröffentlicht werden, sind also nur Vermutungen.
Und um einen angemessenen Umgang für diese Vermutungen zu finden, sollten nun Präventivmaßnahmen erdacht werden und neue Gesetze entworfen.
In dem großen Saal, saß EINE Afrikanerin - mit einem Baby im Arm. Diese Frau hatte sich von Anfang an gemeldet, doch sie wurde nicht zum Reden aufgefordert - fast 45 Minuten lang....
Als Sie zu Wort kam, sagte sie, dass sie Musikerin ist und Lieder zum Thema gemacht hat - und das sie eine Tour durch ihr Heimatland plant - doch dafür Gelder braucht und seit 2 Jahren bemüht ist, diese Gelder zu bekommen.
Sie hat ausführlich erzählt, was sie plant und was sie alles schon probiert hat...
Nach Ihrer Wortmeldung wurde wieder zur Tagesordnung übergegangen...
Sicher ist das nur ein Beispiel, aber es war für mich typisch - denn an anderen Stellen habe ich ähnliches erlebt, da wird ein riesen Aufriss gemacht, um Gesetze zu erlassen - um ungelegte Eier - und bei der Durchsetzung entstehen so unmenschliche Situationen, die meiner Meinung nach den positiven Hintergrund der Gesetze nicht rechtfertigen.
Die Eltern sind meiner Meinung nach nicht die Straftäter - sondern das, was sie dazu zwingt, das muss sichtbar und begreifbar gemacht werden...
Darüber wird aber auch in Deutschland kaum gesprochen.
Von Genitalverstümmelung hat jeder schon gehört, dafür sorgt auch Terre des Femmes e.V. - aber WARUM - das weiß fast niemand so genau.
WAS steckt wirklich DAHINTER und wie kann man das durch Veröffentlichung, durch neue Sichtweisen, durch Stellungnahmen, durch echten Kontakt mit gefährdeten Immigrantinnen lösen?
Es wird erklärt, dass es heute gar nicht mehr nachvollziehbar ist – eben Tradition. Oder es wird berichtet, dass es ein Berufszweig ist, viele Frauen sich von dieser Tätigkeit als „Beschneiderin“ ernähren und deshalb bräuchte es erst mal neue Einkommensmöglichkeiten für diese Berufsgruppe.
Zur Meldung Nr. 2:
Wenn ich nun auf unserer eigene kulturelle Entwicklung schaue - unsere Schönheitsnormen - die auf den ersten Blick nichts mit Religion oder tieferen Schichten zu tun haben, sondern ganz oberflächlich rein äußerlich sind, sehe ich folgendes: der Einfluss der Medien- und Pornoindustrie sowie der Modemacher scheint so stark, dass auch deutsche Frauen nicht davor zurück schrecken ihre Schamlippen beschneiden zu lassen und sämtliche andere kosmetische Operationen (auch Designervagina genannt) anstreben, wofür sie viel Geld bezahlen und was sie damit rechtfertigen, dass sie sich mit dem, was die Natur ihnen gab - ganz und gar unwohl und elend fühlen.
Die Rechtfertigungen für eine OP gehen von psychischem und seligem Unwohlsein, bis hin zu körperlichen Schmerzen und Beschwerden durch z.B. vergrößerte Schamlippen.
Ich möchte nicht behaupten, dass es tatsächlich krankhafte Vergrößerungen gibt, bei denen eine Korrektur angebracht ist. Doch ich habe bei Schönheitschirurgen selbst viele „vorher“ und „nachher“ Bilder gesehen – von Frauen mit angeblich vergrößerten Labien, die allesamt in dem Bereich von völlig normal und mir wohl bekannt lagen.
Dieser Trend zur Genital-OP verstärkt sich in den letzten Jahren so, dass es fast schon ein normaler Eingriff ist, für Schönheitschirurgen - ähnlich der Brustoperationen.
Wieso fühlen sich aber deutsche Frauen dazu genötigt, so etwas zu tun?
Mein Gefühl ist, das dies ein kulturübergreifendes kollektives Problem ist und die Wurzel davon, ist im Grunde die Gleiche, wie die der Genitalverstümmelung.
Es gibt unzählige Argumente, warum man das auf keinen Fall miteinander vergleichen kann – ich möchte es auch nicht an der Oberfläche miteinander vergleichen, sondern an der Stelle, die ganz tief dahinter liegt.
Ich wage die Behauptung zu äußern, dass eine gesunde Frau, die sich ihrer selbst bewusst ist, die aufgeklärt ist über die Vielfalt der Formen und die Einzigartigkeit ihrer Vulva, die einen liebevollen Kontakt zu ihrem Körper hat und Ehrfurcht zu ihrer Ermächtigung und Fähigkeit neues Leben zu gebären – niemals eine Beschneidung bei ihren Töchtern und auch niemals einer Schönheits-OP ihrer eigenen Vulva zustimmen würde – es sei denn das Leben selbst wäre dadurch bedroht.
Egal was Religion, Kultur oder Medienindustrie behaupten – es würde keine Resonanz in ihr machen, es würde ihr einfach nur völlig absurd vorkommen.
Scheinbar sind aber viele Frauen (seelisch) nicht so gesund, sondern immer noch zutiefst geprägt und innerlich traumatisiert von jahrhunderte langer Unterdrückung. Es gibt bei vielen Frauen gar keinen respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper, keine Ehrfurcht vor der Kraft ihrer Weiblichkeit – weil kaum eine Kultur dafür positive Bilder hat. Ich meine positive Bilder jenseits von Sexismus. Es wird von Gleichberechtigung und Emanzipation gesprochen, da wurde auch viel erreicht in den westlichen Ländern – doch WEIBLICHKEIT, wurde weiterhin unterdrückt. Die Vulva als reines Mittel zum Zweck völlig sexualisiert – ohne jeden Respekt, ohne Wertschätzung der Einzigartigkeit, ohne Wissen und Aufklärung über Form und Funktion.
Selbst in unserer zivilisierten und aufgeklärten Welt, wissen viele Frauen nicht Bescheid über ihre Vulva und die Vulva im allgemeinen und selbst Mediziner und Medizinerinnen wissen nicht wirklich Bescheid – z.B. dass Frauen ejakulieren können, das die s.g. Klitoris nicht nur der Kitzler ist, sondern ein großes Organ, dass Vagina nicht Vulva bedeutet, sondern lediglich die Scheide meint, dass es keine Norm für die äußere Form der Vulva geben kann, sondern nur reine Vielfalt, die mit dem Wesen der Frau in engem Zusammenhang steht.
Immer mehr Menschen in der westlichen Welt, vor allem auch Jugendliche, sind heute der Meinung, dass Haare am Körper insbesondere Schamhaare und Achselhaare eklig sind. Dieser Trend, setzt Menschen die anders fühlen so unter Druck, dass viele nur deshalb mitmachen, aus Angst von der Bettkante gestoßen zu werden, oder sich in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen.
Und immer ist der Hintergrund - dass Frauen (oder auch Menschen allgemein) ihren Körper einer kulturellen von Religionen oder Modemachern geprägten Norm unterwerfen - statt unabhängig, frei und mit dem eigenen Körper verbunden zu sein. Es spricht nichts dagegen, wenn sich jemand gern rasiert - aber ich finde es gefährlich, wenn alle die das nicht tun verurteilt werden und somit gezwungen, sich anzupassen.
Aber gezwungen sich anzupassen fühlen sich nur Menschen, die keinen Selbstwert haben, die sich ihrer selbst nicht sicher sind – sondern sich nur im Außen orientieren. Hier liegt der eigentliche Knackpunkt und dieses Problem haben nicht mehr nur die Frauen, sondern auch die Männer.
Denn unsere Kultur und Gesellschaft unterstützt keine Individualität, fördert keine Menschen die selber denken und fühlen, sondern drängt zu Gleichmachung und Massenware.
Der Intim-Rasierkult hat sich, meiner Meinung nach, durch die Pornoindustrie verbreitet - so wie auch der Hang zu einer kindlichen Vulva, klein, rein und fein - am besten unbehaart und ganz ohne innere Schamlippen...
Hier spielen natürlich auch christliche Geschichten eine Rolle – wie z.B die unbefleckte Empfängnis von Jungfrau Maria.
Warum sind so wenige Frauen aus der westlichen Welt mit ihrer Vulva in Frieden, fühlen sich schön und weiblich und richtig? Warum lassen sich immer mehr Frauen freiwillig
"beschneiden" ?
Warum lassen Mütter ihre Mädchen auf bestialische Weise beschneiden?
Wenn jemand behauptet, dass es da keinerlei Zusammenhang gibt zwischen Genitalverstümmelung und Designer-Vagina - dann behaupte ich, er/sie hat nicht verstanden worum es wirklich geht.
Wenn es uns gelingen würde, an den Schrecken anderer Kulturen unsere eigenen Schrecken zu erkennen, dann würden wir selbst wachsen und damit vielleicht auch anderen Völkern helfen können. Denn auch wenn wir uns äußerlich als weiter entwickelt und aus dem Mittelalter herausgewachsen empfinden - stecken wir innerlich tiefer drin als uns lieb ist - nur mag da keiner hinschauen...
Anhänge zum Thema, die Sie vielleicht nachdenklich machen:
Leipziger Volkszeitung: „Könnte den ganzen Tag nackt vorm Spiegel stehen“
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Hier finden Sie Links zum Thema Schossraum und Heilung
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Autor: Helmi Jörissen am 2010-02-03 18:18:54
Der erste Teil des Artikels hat mich wieder mal so betroffen gemacht, dass ich den 2. Teil ehrlich gesagt nur kopfschüttelnd überflogen habe.
Es ist sehr traurig, dass aus welchen Gründen auch immer Mädchen und Frauen verstümmelt werden. Das Bedürfnis zur Beschneidung resultiert in jedem Fall aus einem falsch verstandenen Frauen- oder Weiblichkeitsbild. Da stimme ich voll und ganz mit Ihnen, Frau Grit Scholz, überein.
Als Reiseveranstalterin für arabische Destinationen habe ich mich schön häufiger mit dem Thema beschäftigt. Besonders bewundere ich das Engagement von Rüdiger Nehberg, der mit seiner Menschenrechtsorganisation TARGET schon unglaubliches im Einsatz für ein Ende der genitalen Verstümmelung von Mädchen getan hat. Deshalb ist es mir hier sehr wichtig auf TARGET hinzuweisen:
http://www.target-humanrights.com
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