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Über die (körperliche) Liebe

Foto: Clemens Pürstinger Künstler: Manfred Kielnhofer Autor: Ruediger Dahlke am 17. Mär 2008
Wenn wir von Liebe sprechen, denken wir im allgemeinen an große Gefühle und romantische Situationen, aber es gibt auch eine viel bodenständigere Ebene dieses weltbeherrschenden Phänomens. Und dabei denkt dann so ziemlich jeder gleich an Sexualität, den körperlichen Ausdruck der Liebe

Foto: Clemens Pürstinger Künstler: Manfred Kielnhofer

 Aber wir können heute noch eine Ebene tiefer gehen und uns mit der Chemie, genaugenommen mit der Biochemie der Liebe beschäftigen, die immer besser erforscht wird und wirklich spannende Einsichten in das spannendste Thema der Menschheit eröffnet. Wissenschaftlich schon längst entschlüsselt sind die Hormone, die unsere Lust entfachen, die Östrogene und Androgene. Dass es auch hormonelle Gründe hat, wenn wir mit jemandem ins Bett gehen, mag auf den ersten Blick desillusionierend wirken. Wichtig ist dabei, sich jederzeit bewusst zu sein, dass das nur eine Parallelebene zu jener geistig-seelischen ist und keine die andere durch ihre Existenz unwichtig oder minderwertig macht. Beide gehören untrennbar und kommen in jedem Moment der Liebe zusammen.

Und dabei denkt dann so ziemlich jeder gleich an Sexualität

Wenn Neurotransmitter verrückt spielen
Nun wurde auch noch das Phänomen jener zauberhaften Anziehung, das zum Phänomen euphorischer Verliebtheit führt und Schmetterlinge in den Bauch zaubert, biochemisch entschlüsselt, oder sollten wir sagen entzaubert? Kaum schauen wir uns nämlich in die Augen, spielen auch schon die sogenannten Neurotransmitter verrückt, jene Hormone oder Botenstoffe, die zwischen Nervensystem und Drüsen stehen und über das Blut verschickt werden. Vermehrt gebildetes Dopamin zieht unsere ganze Aufmerksamkeit auf den jeweiligen ins Auge gefassten Partner. Wir haben ihn noch längst nicht angefasst, aber schon ins Auge gefasst, und schon fängt es biochemisch an in uns zu arbeiten. Immerhin bleibt aber der Akt des Anschauens noch unserer Seele überlassen, wobei wir auch dabei – wenn wir uns mit der Bedeutung der Duftstoffe befassen – auf einige wissenschaftliche Überraschungen gefasst sein sollten.

Wenn unsere Aufmerksamkeit vom Dopamin gefesselt ist, stürzt ein anderer Neurotransmitter, das Serotonin, in den Keller und Norepinephrin wird ausgeschüttet. Das ist jener ebenfalls lange bekannte Stoff, der für die Prägung neugeborener Tiere auf ihre Mütter verantwortlich ist. Wenn er einmal kreist, wird jede der Gesten des potentiellen Partners zu einer einzigen Offenbarung von Anmut und jedes Lächeln verwandelt sich in eine Flut von unwiderstehlichem Charme und Liebreiz.
Schließlich kommt auch noch Phenyläthylamin hinzu und bringt uns in jene ebenso verrückte wie wundervolle Gemütslage, wo wir weder Schlaf noch Nahrung brauchen, Gott und die Welt umarmen wollen und nur noch den (biochemischen?) Traumpartner im Auge haben. Diese Verrücktheit kann so stark werden, dass Menschen Ihre Familien, ihre Arbeit, ja ihr ganzes bisheriges Leben im Stich lassen, um den neuen Impulsen nachzugehen, die die Neurotransmitter vermitteln.
Eigentlich könnten uns solch moderne Entdeckungen helfen, uns ein wenig von der Unsitte der Schuldprojektion zu befreien. Wenn es doch Hormone sind, die derlei auslösen oder gar verursachen, so könnten wir mit den Betroffenen milder umgehen und vielleicht ganz darauf verzichten, sie zu bewerten oder sogar zu verurteilen. Vielleicht geschieht es ja sowieso nur aus Neid auf den begnadeten Zustand, der einem selbst im Moment verschlossen ist beziehungsweise dem man sich verschlossen hat.
Wie stark und prägend solche Zustände sind, wissen wir alle von der persönlichen Erfahrung der Großhirnvergiftung mittels Alkohol. Wer in diesem alkoholisierten Zustand aktiv wird, bekommt ja auch mildernde Umstände, warum also nicht auch diejenigen, die sich unter dem Einfluss von Phenyläthylamin wahnsinnig verliebt haben. 
Irgendwann – ist zu vermuten – wird dieser bezaubernde Cocktail gerade entdeckter Neurotransmitter sicher aus dem Labor der Wissenschaftler entweichen – wie noch alles andere bisher auch – und seinen Weg auf den freien Markt finden. Wer dann einen Schluck aus dem entsprechenden Liebesfläschchen nimmt, wird wohl sehr offen dafür sein, sich unsterblich zu verlieben. Ob es allerdings völlig gleichgültig sein wird, wen man dann gerade als Ersten zu sehen und zu fassen bekommt, muss sich erst zeigen. Die Liebe über diesen Weg zu zwingen ist ja ein alter Traum der Hexenmedizin. Über diesen biochemische Zugang könnte die alte Welt der Liebes- und anderer Zaubertränke wieder sehr aktuell werden.
Oder ist es möglicherweise doch so, dass wir uns über die Augen verlieben, über diesen besonderen Blick, und die Seele dabei eine Rolle spielt, und dass sich parallel dazu das ganze Szenario der Hormone und Neurotransmitter aufbaut? Die Zukunft wird es wahrscheinlich in dieser Richtung offenbaren, denn Körper und Seele gehen letztlich immer parallel.

 


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